Montag, 21. Mai 2012

Jauch, Steinbrück und Sarrazin

Glückwunsch an Günter Jauch, der sich von der Vorabempörung nicht beeindrucken ließ und laut Spiegel Online gestern Abend die interessanteste Talkshow zum Euro lieferte (siehe hier: spiegel online zur Jauch-Talkshow).
Das Duell Steinbrück-Sarrazin  war informativ, spannend und lehrreich. Nicht wie erwartet eine einseitige Veranstaltung mit einem klar dominierenden SPD-Eventualkanzlerkandidaten  Peer Steinbrück und einem versponnenen Außenseiter Thilo Sarrazin. Letzterer ließ sich nämlich von der Rhetorik Steinbrücks  und den 30 "Halts-Maul"- Demonstranten keineswegs einschüchtern. Stattdessen erwies sich das Enfant Terrible der SPD als mit Zahlen gut gerüsteter Kritiker, dem es in seiner monotonen, fast langweiligen Art (so wie die mühsam zu lesenden Texte seiner Bücher) schließlich sogar gelang, aus Steinbrück das Wort "Geburtsfehler" bei der Einführung des Euro herauszulocken.  Eine gemeinsame Währung hätte wohl besser zunächst eine politische Union gebraucht, darin waren sich die beiden einig. Selbst darauf ließ sich Steinbrück ein: dass das deutsche Interesse an Europa auch mit der dunklen deutschen Vergangenheit zu tun hat.
Was Sarrazin jedoch dazu bringt, die deutsche Zahlungsbereitschaft in Euroland als Spätfolge der Holocaust-Schuld zu interpretieren, weist Steinbrück mit Recht entschieden zurück. Deutschland  habe schließlich vor allem ein hohes wirtschaftliches Interesse am Erhalt des Euros und an der Stabilität des Euroraums. Dass Jauch dann eine aktuelle Umfrage präsentierte, wonach eine Mehrheit von 49 Prozent inzwischen die Euro-Einführung für einen Fehler hält, rüstete Sarrazins Position beträchtlich auf.  In dieser Talkshow zeigte Steinbrück einen angenehmen Unterschied zu Sigmar Gabriel: Er stellt sich mit Argumenten einer fairen Diskussion. Die meisten Politiker hätten sich wohl geweigert, mit Sarrazin so prominent zu diskutieren und ihn dadurch letztlich aufzuwerten. Die Gratwanderung, das Bauchgrummeln der Bevölkerung in Sachen Euro mit politischen Notwendigkeiten in Übereinstimmung zu bringen, ist ihm durchaus geglückt.

Braucht Europa also den Euro? Laut Sarrazin nicht, aber abschaffen will er den Euro auch nicht, Verträge solle man einhalten. Lösungen hat er nicht zu bieten. 
Doch die kritischen Fragen sind berechtigt. Herausgeber Holger Steltzner lässt ihn heute in einem ausführlichen FAZ-Interview zu Wort kommen: "Finanzminister Schäuble sagte kürzlich, 3 Prozent Inflation seien doch ganz in Ordnung. Gleichzeitig verkauft sein Kreditreferat Bundesanleihen mit 1,5 Prozent Zins. Das heißt, Schäuble setzt bereits darauf, dass die Staatsschuld entwertet wird. Und dieser Mann soll Chef der Eurogruppe werden." So frontal - und berechtigt - hat noch niemand Schäuble angegriffen.

Sarrazin hat nicht wenige Bürger auf seiner Seite: Wahr ist schließlich, dass  im Mai 2010 der Stabilitätspakt gebrochen wurde. Damals wurde in einer nächtlichen Telefonkonferenz der Kauf von Anleihen finanzschwacher Euroländer durch die EZB beschlossen - gegen die Stimmen der deutschen Ratsmitglieder.  Seitdem läuft die Gelddruck-Maschine, und in Wahrheit weiß niemand, wo das letztlich hinführt.

P.S. Übrigens hält Sarrazin Jürgen Tritten für "den besten Ökonomen unter den etablierten Politikern."(FAZ von heute)



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