Sonntag, 30. Dezember 2012

BrunoMedia - Journalistische Kommunikationsberatung

Ab sofort in Mainz!

Falsche Prognosen

Wir erleben in diesen Tagen eine Diskussion über die mangelnde Treffsicherheit von ökonomischen Prognosen. Hierbei handelt es sich nicht nur um ein akademisch-theoretisches Thema. Tatsächlich sind Fehlprognosen gefährlich. Man kann als Anleger viel Geld verlieren, wenn man darauf setzt. Vermögensverwalter Thomas Grüner hat nachgewiesen, dass die Mehrheitsmeinungen der Analysten über den künftigen Verlauf des Dax in den letzten Jahren immer falsch waren. Die Welt am Sonntag titelte kürzlich dazu: "das konnte keiner wissen" Grüner hatte zum Jahresbeginn 2012 gerade deshalb auf zweistellige Zuwachsraten im DAX gesetzt und damit recht behalten.
Für große Unternehmen mit üblicherweise langfristigen Planungen können falsche Prognosen zu erheblichen Fehlinvestitionen führen. Jeder Unternehmensplanung liegt eine Prognose zugrunde.
Der Chairman von Roland Berger Strategy Consultants hat jetzt in einem gemeinsamen Buch mit dem Wirtschaftsjournalisten Mario Müller-Dofel darauf hingewiesen, dass nur "Gute Führung" die zunehmend schwierigere Planbarkeit erratischer Märkte und Politiken ausgleichen könne (Siehe hier: "Gute Führung" bei Amazon). Flexible Führung muss die positive Konstante in einer Welt falscher Prognosen sein.
Interessant ist jedoch auch, wie stark Journalisten den meist falschen Mehrheitsmeinungen folgen, ja sie zum Teil verstärken. Thomas Grüner hat in seinem Buch "Die acht größten Fallen für Geldanleger"  beschrieben, warum Mehrheitsmeinung zumindest auf den Finanzmärkten nicht zu den richtigen Ergebnissen kommen können: Wenn z.B. alle Ölspekulanten in einem Raum versammelt sind und alle glauben, dass der Ölpreis steigt, dann haben sich alle längst mit Ölwerten eingedeckt. Nun fehlen jedoch die Käufer, weil sich alle eingedeckt haben, und wenn die Nachfrage fehlt, fallen die Preise. Es passiert also das Gegenteil von dem, was alle erwartet haben. Bemerkt der erste, dass die Käufer fehlen, verkauft er seine Papiere, die andern folgen und der Preis sinkt.
Das eigentlich Interessante an Prognosen ist also die Frage, was gegen die Prognosen spricht und wer den Prognosen glaubt. Wer das richtig einschätzt, kann viel Geld verdienen.



Dienstag, 18. Dezember 2012

Frohe Weihnachten und einen guten Start ins Jahr 2013!

Liebe Freunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen
liebe Geschäftspartner,

es wird noch bis zum letzten Tag gearbeitet, selbst wenn die Welt am Freitag wirklich untergehen sollte!
Damit jedoch durch den Eintritt dieses Maya-Orakels nicht die Weihnachtswünsche verloren gehen, wünsche ich Ihnen mit meinem Team
schon jetzt ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr 2013.
Ihr
Ralf-Dieter Brunowsky


Donnerstag, 13. Dezember 2012

BrunoMedia jetzt in Mainz

Liebe Freunde, werte Geschäftspartner,

die BrunoMedia GmbH zieht nach zehn wundervollen Jahren in Köln in ein  modernes Büro nach Mainz um. Hier sind wir nah am Finanzplatz Frankfurt und verkehrsmäßig auch bundesweit bestens angebunden.
Unsere neue Firmenadresse ab 18.Dezember in der Innenstadt von Mainz:

BrunoMedia GmbH
Dreikönigshof
Martinsstraße 17
55116 Mainz

Wie bei der Telekom üblich, verzögert sich die Einrichtung der Telefonanlage bis zum 19.12.2012. Wir erhalten unsere neue Telefon-Nummern erst in den nächsten Tagen.
Bis dahin erreichen Sie mich und unser Team jederzeit auf meinem Handy unter 0170 462 1440 bezw. unter brunowsky@brunomedia.de.

P.S. Die BrunoMedia freut sich über Zuwachs: Zu unserem Team sind neu hinzugestoßen: Charlotte Brückner (M.A.) und Nils Zeizinger (M.A.), beide Absolventen des Mainzer Instituts für Publizistik.


Donnerstag, 29. November 2012

Oliver Herrgesell zu Turner Broadcasting

Eine interessante Personalie ist dem Kress zu entnehmen. Oliver Herrgesell, bis Jahresmitte Kommunikationschef der RTL Group, folgt seinem früheren Chef Gerhard Zeiler als Senior Vice President Communications bei Turner Broadcasting System International. Man kann daraus ableiten, dass die Firma einiges in Deutschland und Europa vorhat.  Sein Dienstsitz wird London sein, sein Wohnort bleibt Berlin, wo seine sympathische Frau als Homöopathin arbeitet.
Ich traf Herrgesell und seine Frau letzte Woche bei der Neueröffnung der Kennedy-Ausstellung von Camera Work in Berlin. Da wollte er mir noch nicht enthüllen, wer sein nächster Arbeitgeber ist. Wie Zeiler ist er Österreicher, er kommt aus der Steiermark. Einige bedeutende Österreicher haben in deutschen Medien Karriere gemacht, wahrscheinlich, weil sie zum einen nicht so kompliziert wie ihre deutschen Kollegen denken, zum anderen weil sie immer schon respektlos waren und sich nichts aus Hierarchien machen, zumindest die Journalisten.
Herrgesell war bei dem Neustart der Berliner Zeitung der Stellvertreter von Michael Maier, der aus dem Blatt damals eine Süddeutsche Zeitung machen wollte und mit Gruner+Jahr im Rücken Top Leute in die verschiedenen Ressorts gekauft hatte. 10 Millionen Mark wurden damals in die Neuausrichtung investiert, und mit Erich Böhme, dem früheren Spiegelchefredakteur, hatte man sich eine publizistische Leitfigur als Herausgeber geholt. Der meinte sogar, aus dem Blatt eine "Washington Post!" machen zu können. Davon ist nichts übrig geblieben, der Berliner Verlag wurde an Holtzbrinck und dann an Neven Dumont weiter verscherbelt. Die Redaktionsgemeinschaft mit der insolventen Frankfurter Rundschau reißt die Berliner Zeitung mit in den Entlassungsstrudel: Fast 100 Leute müssen wohl gehen. 
Später ging Maier mit Herrgesell übrigens zum Stern als Chefredakteur, wo es die beiden nicht lange aushielten. Nicht zu vergessen Herrgesells Station in der "Woche", wo er eine brillante Medienseite verantwortete. Ich wünsche dem 50jährigen, entspannt wirkenden Kommunikationsmeister viel Glück bei seiner neuen Aufgabe.

Montag, 26. November 2012

Schnarchnasen-Wirtschaftsjournalismus?

In der heutigen Ausgabe des Spiegel (Seite 95) behauptet der Gründungschefredakteur der FTD und (bis zur Pleite) spätere Kommunikationschef von Lehman Brothers, Andrew Gowers, zur Einführung seines damaligen Blattes: Die deutsche Wirtschaftspresse war ein verschnarchter, konservativer Haufen. Interviews wurden hier in dem Stil geführt: "Verehrter Herr Konzernchef, können Sie uns mal in eigenen Worten schildern, warum Sie so toll sind?"
Bei allem Respekt vor den Leistungen von Gowers und der FTD: Hier wird ein Mythos aufgebaut, der nicht den Tatsachen entspricht. "Ich glaube", so Gowers, "wir haben die Kultur des deutschen Wirtschaftsjournalismus verändert."
Das liest man in diesen Tagen der Trauer viel, aber ich halte lediglich eine These für richtig: Die FTD hat dem Handelsblatt gut getan. Alles andere ist Unsinn. Gerade in der Anfangszeit von Gowers musste die FTD sich permanent wegen fehlerhafter Berichterstattung selbst korrigieren. In dieser Zeit wurde einer der Grundsteine für das spätere Scheitern gelegt, weil die journalistischen Fehler der FTD damals die gesamte Wirtschaft gegen sich aufbrachten. Die anfänglich steile  Auflagenkurve der FTD erhielt hier den ersten bösen Knick.
Waren die Wirtschaftsjournalisten vor der FTD eine Generation von Schnarchnasen? Das ist Unsinn. In den neunziger Jahren gab es bei Capital regelmäßig  Aufregergeschichten, insbesondere im Unternehmensressort. In fast jeder Ausgabe wurden geheime Konzernzahlen veröffentlicht, die Konzernchefs maßlos ärgerten und zu Diskussionen bis zum G+J-Vorstand führten.Ich erinnere mich an Daimler, Henkel, Lufthansa, Telekom oder die preisgekrönten Enthüllungen zum Subventionsbetrug bei der Vulkanwerft. In der Wirtschaftswoche war es nicht anders. Dort gab es früher und bis heute regelmäßig Investigativgeschichten, vom Berliner Garski-Skandal, der den Regierenden Bürgermeister stürzte, über zahlreiche Unternehmensgeschichten bis hin zu heftigsten Attacken gegen die Deutsche Telekom. Einem Mann wie Stefan Baron, in den neunziger Jahren Chefredakteur der WiWo,  kann man nun wirklich nicht Schnarchnasen-Journalismus vorwerfen. Und dem heutigen Chefredakteur Roland Tichy erst recht nicht. Ich erinnere mich, wie er als Wiwo-Korrespondent als erster herausgefunden hat, dass Mannesmann den Zuschlag für das D2-Netz bekommen sollte. Und später hat er permanent die Telekom geärgert. Im  Manager Magazin hat man schon immer Schlüsselloch-Geschichten gelesen, mit der Rubrik "Missmanagement" wurde das Magazin überhaupt erst groß. Vielleicht meint Gowers Handelsblatt und FAZ,  aber auch für diese Medien, würde ich die Kritik nicht so pauschal gelten lassen. Mag sein, dass es damals etwas gemächlicher bei diesen beiden Medien zuging, aber ich bin sicher, auch hier lassen sich genügend Enthüllungsgeschichten vor dem Launch der FTD finden. Aber muss man die Leistungen der Wirtschaftspresse immer nur an Enthüllungen messen, die letztlich nur einen kleinen Prozentsatz der Berichterstattung ausmachen? Ich sehe es so: Enthüllungen sind das Salz in der Suppe, aber nicht die Suppe selbst. Die muss immer noch mit Liebe angerichtet und gekocht werden. Und sie muss denen schmecken, die sie kaufen, den Lesern in der Wirtschaft. Deswegen war übrigens die Verlegerin Angelika Jahr immer so erfolgreich. Siehe das interessante Porträt von Melanie Amann in der FAZ am Sonntag von gestern:


Freitag, 23. November 2012

FTD: ein rosaroter Abschied

So viele Journalisten wie im Fall der FTD wurden noch nie auf einen Schlag entlassen. Der letzte große Fall waren die Entlassungen bei Capital und Impulse und einige Jahr zuvor die Schließung der deutschen Ausgabe von Forbes durch Burda.
Nun gut, die FTD musste selbst immer wieder über Entlassungswellen in der Industrie, zuletzt bei den Banken berichten. Und dennoch liegt hier ein besonderer Fall vor: Denn die Entlassungen erfolgen erstens in einer Zeit, in der es für Medienleute nicht leicht ist, einen neuen Job zu finden. Zweitens wird hier in beispielloser Form eine Massenentlassung Hochqualifizierter exerziert. Sie alle werden die gleiche Phase durchleben:
Trotz, Depression, Neuanfang, wenn es gut geht.
Die Abfindungen sind ein schwacher Trost, das Geld ist schnell ausgegeben.. In wenigen Monaten wird man über die verstorbene FTD nicht mehr sprechen. Über Tote geht die Zeit rasend schnell hinweg. Die Entlassenen werden sich an rosarote Zeiten gerne  erinnern und die Arbeit bei der FTD als eine besondere empfinden.
Mancher wird Platz in anderen Redaktionen finden, aber üppig sind die freien Stellen nicht. Einige werden den Mut zur Selbstständigkeit haben. Und nicht wenige werden in Unternehmen unterkommen und dort ihr Wissen einbringen. Capital mit 20 Mann in Berlin? Ich bin gespannt.Und Pätzold als Chefredakteur? Keine gute Idee.
Der gigantische Zuspruch, den die FTD jetzt selbst publiziert, steht in seltsamem Widerspruch zur Schließung des Blattes. So viele Fans - und doch nicht genug Auflage?  Ich beobachte das mit gemischten Gefühlen. Es gibt jedenfalls viele, denen der Zuspitzungsjournalismus der FTD keineswegs gefiel, siehe z.B. die Foren bei Spiegel Online.
Das ändert jedoch nichts an der Betroffenheit, die alle Wirtschaftsjournalisten in diesen Tagen erleben. Niemand möchte in  der Haut dieser Kolleginnen und Kollegen stecken. Ich wünsche allen ganz viel Glück für einen Neuanfang, wo immer das ist.
Im übrigen: Frau Jäkel hat meinen Respekt für diese mutige, aber unumgängliche Entscheidung.


FTD: Das Aus jetzt offiziell verkündet

Der Kress Report schreibt dazu: G+J macht es offiziell

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Donnerstag, 22. November 2012

Ist die FTD an ihrem Vertrieb gescheitert?

Nachdem der Aufsichtsrat dem Vorstand von Gruner+Jahr freie Hand für die Schließung der FTD gegeben hat, melden sich jetzt viele entsetzte Leser zu Wort - siehe HIER.
Leser schreiben, sie hätten auch gerne mehr für das Blatt gezahlt. Der Qualitätsjournalismus der FTD wird allseits gelobt. Redakteure verweisen auf 90 Journalistenpreise in den letzten vier Jahren. Meine  kritische Meinung zu Journalistenpreisen habe ich hier schon kundgetan. Nun gut, sicher gilt aber, was jemand schrieb: "Qualitätsjournalismus allein garantiert noch keine Profitabilität."
Die Frage lautet: Wenn die Journalisten gute Arbeit geleistet haben, hat dann das Verlagsmanagement versagt? In einem Punkt glaube ich ganz gewiss: Der Vertrieb ist eine wesentliche Ursache des Desasters - einmal abgesehen von allgemeinen Branchenproblemen. Gruner+Jahr beherrscht den Zeitungsvertrieb nicht.
Dass zuletzt nur 45 000 Exemplare (Abonnenten und Einzelverkauf) verkauft wurden ist so kein Wunder. Denn das Hauptproblem der FTD war das kostenlose Verramschen des Blattes im Vergleich zur Gesamtauflage. Zuletzt wurden täglich rund 57 000 Exemplare für Lesezirkel, Bordexemplare und Sonderaktionen verramscht (Sogenannte Sonderverkäufe). Ein Verhältnis von 44 Prozent verkauften zu 56 Prozent. Zum Vergleich: Das Handelsblatt verkaufte im dritten Quartal 2012 durchschnittlich über 86.000 Exemplare pro Tag bei 51.000 Sonderverkäufen, das ist ein Verhältnis von 73 verkauften zu 37 Prozent verramschten. Immer noch ungesund, aber weit besser als bei der FTD.
Warum verkaufte die FTD trotz ihres Qualitätsjournalismus nicht mehr? Ich wage die simpel klingende These: weil man die FTD nicht morgens auf dem Frühstückstisch, aber umso billiger bei jeder Geschäftsreise haben konnte.
Qualitätsjournalismus ist kein Alleinstellungsmerkmal der FTD. Handelsblatt, FAZ, Welt oder Süddeutsche, Wirtschaftswoche, Manager Magazin, Brandeins - alles unabhängige Qualitätsblätter mit exzellenten Redaktionen: Die FAZ mag konservativer, etwas behäbiger und langsamer sein, aber die wichtigen Wirtschaftsinformationen  sind dort alle in kompetenter Form lesen (die FAZ macht übrigens Gewinn). An Exklusivgeschichten mangelt es der FAZ genauso wenig wie dem Handelsblatt und anderen Medien.
Die FTD hat mit hohen Investitionen auf Geschwindigkeit gesetzt, obwohl das Internet uneinholbar schnell ist. Das war der falsche Ansatz. Er führte dazu, dass auch die Redaktion besonders stolz auf das hohe Tempo war, aber der Leser goutiert das nicht. Print lesen macht Spaß, wenn man Zeit hat. Schneller Headline-Konsum kann im Internet besser befriedigt werden. Die großen, eher langsamen Backgroundgeschichten kommen in Printmedien erst recht gut zur Geltung, sie sind dort  besser aufgehoben als online. Aber ehrlich gesagt, die "Agenda" in rosa zu lesen ist anstrengender als ein gleiches Stück im weiß gedruckten Handelsblatt, finde ich. Aber das mag Geschmackssache sein. Im Internet selbst ging der anfängliche Schwung der FTD nach wenigen Jahren verloren, weil der Verlag die ganze digitale Entwicklung verschlafen hat.
Beim Frühstück lese ich gerne eine gedruckte Zeitung, dafür zahle ich auch gerne mehr. Nur bekommt man FTD und Handelsblatt immer erst mit der späten Post. Die FAZ und die Regionalzeitungen sind morgens spätestens um 7 im Haus.  Es ist also auch der Vertrieb, an dem die FTD gescheitert ist. Und das Handelsblatt muss aufpassen, dass es an diesem Problem langfristig nicht auch scheitert. Während Springer sogar Sonntags Bild und Welt am Sonntag ausliefern kann, die FAZ am Sonntag ebenso, hat Gruner+Jahr einen solchen Vertrieb nie zustande bekommen, weil es eben trotz mancher Ausflüge kein Zeitungs- sondern ein Magazinverlag geblieben ist.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass die FTD im Axel-Springer-Verlag durch dessen Vertriebspower überlebt hätte. Lesen Sie dazu, was Mathias Döpfner dazu heute schreibt: HIER




Montag, 19. November 2012

Die Probleme der Wirtschaftspresse


Was immer Gruner + Jahr am 21.November verkündet: Angesichts der Schwierigkeiten, mit denen die gesamte Wirtschaftspresse kämpft, muss man die generelle Frage nach den Zukunftsaussichten der Wirtschaftspresse stellen.
Die FTD soll seit ihrer Gründung etwa 300 Millionen Euro Verlust gemacht haben. Zuvor hatte Gruner + Jahr schon einmal viel Geld mit der Wirtschaftspresse verloren: Der Kauf der Magazine  Fast Company und Inc. in den USA im Jahr 2000  bis zum Verkauf 2005 soll den Verlag ebenfalls einige hundert Millionen Dollar gekostet haben, man spricht von bis zu 700 Mio. Der für die Versenkung dieses Geldes verantwortliche Vorstandsvorsitzende für dieses Desaster heißt Bernd Kundrun. Der Vorgänger von Bernd Buchholz steht übrigens in der englischen Ausgabe von Wikipedia immer noch als CEO vermerkt, was die Internationalität von G+J unterstreicht. Kundrun war ein Vertriebsmann und hatte zuvor den Bezahlsender Premiere verantwortet, ohne ihn zum Erfolg zu führen. Er hatte vom Verlagsgeschäft keine Ahnung.
Kein Wunder, dass talentierte Leute wie Matthias Döpfner und Andreas Wiele Gruner + Jahr unter Kundrun den Rücken gekehrt haben. Interessanter Beitrag von Stefan Winterbauer dazu auch hier.

Doch zum Thema:
Warum  tut sich die Wirtschaftspresse insgesamt so schwer, profitabel zu arbeiten? Ich sehe zehn Punkte, an denen gearbeitet werden muss.

Grund Nummer eins
: Das Anzeigengeschäft wandert weiter ins Internet, in den Socialmediabereich und jetzt auch zunehmend in Smartphones ab. Auch das Fernsehen ist ein übler Konkurrent. Diese Medien haben den großen Vorteil, dass die Werbeeffekte viel besser und schneller gemessen werden können, als das im Printbereich möglich ist. Zu verhindern ist das nicht. Aber vielleicht sollten Chefredakteure sich öfter mal bei ihren Anzeigenkunden sehen lassen. Die wollen auch gelegentlich gestreichelt werden. Es wäre auch möglich, neue Anzeigenservices einzuführen, etwa für den ganzen Mittelstand, der sich keine Werbeagentur leisten kann oder will. Hier könnte man Social-Media-Pakete kombinieren mit Printanzeigen, die hausintern gestaltet werden.
Grund Nummer zwei: Die Wirtschaftspresse leidet von allen Medien am stärksten unter der Internet-Nachrichtenkonkurrenz. Das hat nichts mit journalistischer Qualität zu tun. Die gibt es auch reichlich im Netz. Wirtschaft ist schnelllebig und ungeheuer informationsreich. Perfekt für das Internet. 20 bis 40jährige lesen heute Nachrichten fast nur noch im Internet. Und auch die ältere Generation wandert zunehmend ins Web. Wer sich einmal an die FTD online gewöhnt hat, der liest die Printausgabe nicht mehr.
Täglich erscheinende Wirtschaftszeitungen haben deshalb als Printausgabe langfristig keine Zukunft, man muss das so klar sagen. Wer heute noch aktuelle Printmedien abonniert, nimmt die Wirtschaft gern als Teil des Ganzen mit (siehe FAZ, Spiegel), will aber auch Politik und Feuilleton lesen.
Wirtschaftsmedien könnten jedoch als Internetausgaben überleben, wenn sie als kompetente Marke wirklich globale Nachrichten und Features liefern. Und das heißt, sich aufzustellen wie eine internationale Agentur, z.B. Thomson Reuters. Der von den Verlagen verordnete Sparkurs hat die deutschen Wirtschaftsredaktionen geradezu auf internationalen Entzug gesetzt. Auch könnten die besten Blogs über Wirtschaftsportale erreichbar sein. Statt unbekannte Redakteure täglich mehr oder weniger seichte Kommentare schreiben zu lassen, könnte sich ein Chefredakteur mit den besten Blogschreibern verbünden. In den USA gibt es Rankings der meistgelesenen Blogs. Internetredaktionen müssten jedoch personell viel besser ausgestattet und weltweit besser vernetzt sein.  Special Interest Titel wie Landlust haben natürlich auch weiterhin Chancen, wie Coffeetable-Books auf dem Wohnzimmer Tisch zu liegen. Aber für die sogenannten Top-Medien reicht es nicht, sich  im Internet mit etwas mehr Aktualisierung aufzupeppen. Online Portale wie Onvista, auf denen gleichzeitig gehandelt wird, liegen weit vor allen Portalen der Wirtschaftspresse. Warum gehört dieses Portal nicht Gruner+Jahr und wurde stattdessen an eine französische Großbank verkauft?
Grund Nummer drei: Vielen Wirtschaftsmedien fehlt der publizistische Kopf, der mit dem Blatt identifiziert wird und mit politisch vernehmbarer Stimme Autorität beansprucht. Heute wird fast jeder Herausgeber, der mal Chefredakteur war. Kaum ist er Herausgeber, hört und sieht man nichts mehr von ihm. Meist geht es nur darum die Einsetzung eines Außenstehenden zu verhindern.
Grund Nummer vier: Den meisten Wirtschaftsmedien fehlt es an emotionaler Tiefe. Nichts ist spannender als Wirtschaft, warb die "Wirtschaftswoche" früher. Ja, die Wirtschaft ist weiter spannend, nur die Wirtschaftspresse ist zum Teil langweiliger geworden, man muss es so hart sagen. Es gibt Ausnahmen, etwa das jüngste Focus-Money-Interview mit Sarrazin. Auch Steingarts Handelsblatt punktet immer wieder mit Überraschungen.
Die sogenannten Investigativ-Teams haben es jetzt mit dem "Panorama-Effekt" zu tun: Wenn Panorama sich mit Fragen an ein Unternehmen wendet, ist höchste Alarmstufe angesagt. Dann geht die Klappe runter. Die Recherche ohne Mitwirkung des Unternehmens ist dann doppelt so schwierig und oft rechtlich angreifbar. Wenn sich in den Redaktionskonferenzen nur noch vermeintlich "kritische" Themen durchsetzen und Themenideen wie jüngst bei Brandeins ("Zweite Chance") abgewürgt werden, dann stimmt die Mischung nicht mehr. Wer Wirtschaft liest, will neues erfahren, aber auch etwas lernen.
Grund Nummer fünf: Wirtschaftsmedien sind überwiegend humorlos und grantig. Getrieben von Kosten- und Zeitdruck fehlt vielen Beiträgen der Esprit, die Lust an guten Formulierungen. Von Ausnahmen abgesehen, spiegelt die Wirtschaftspresse den deutschen Charakter, den Sloterdijk treffend mit "Sorgengemeinschaft" beschrieben hat. Am schlimmsten treibt es der Verbraucherjournalismus. Er erzieht die Deutschen zu Querulanten, soweit sie es nicht schon sind. Als Ergebnis dürfen sie heute nach jeder Beratung zig Seiten von Papier lesen und unterschreiben, ohne deswegen besser geschützt sein.
Grund Nummer sechs: Das Problem der Geldanlage. Anfang des letzten Jahrzehnts hatte der Börsenboom die Auflagen aller Wirtschaftsmedien auf Rekordhöhen getrieben. Aktien machten Spaß und schreiben konnte man über zahllose Unternehmen. Seit dem Absturz ist die Aktie als Geldanlage den meisten Journalisten suspekt. Strukturierte Produkte sind out und Anleihen bringen nichts mehr, sind inzwischen sogar riskant geworden. Worüber lässt sich dann noch schreiben? Die langweiligsten Teile in den Magazinen sind inzwischen die Geld-Ressorts. Dabei könnten wir ein Jahrzehnt der Aktie vor uns haben, denn die Zinsen werden niedrig bleiben.
Grund Nummer sieben: Der eingeengte Horizont. Unsere Wirtschaft besteht aus Menschen und ihrer Gesellschaft, nicht nur aus Zahlen. Man würde sich wünschen, dass die gesellschaftspolitischen Grundsatzthemen - etwa in Schirrmachers Feuilleton der FAZ - auch die Themendebatten in den Redaktionskonferenzen befruchten würden. Die gesamte Geisteswissenschaft kommt in den Wirtschaftsmedien kaum vor. Von Schumpeter stammt der Satz: "Die Unternehmer haften mit ihrem Einkommen an den Entwicklungswerten der Zukunft". Hier heißt es, anzusetzen. In Brandeins las ich einen anrührenden Bericht über Obdachlose. Was fällt der Wirtschaft dazu ein? Wie entwickeln sich Metropolen und Stadtviertel?
Grund Nummer acht: Überholte Vertriebsmodelle. Jeder, der heute vor einem Zeitungskiosk steht, weiß, dass hier viel zu viele Zeitschriften aushängen. Remissionen von 50 und mehr Prozent sind die Regel. Was für eine Verschwendung. Das liegt an dem Kartell des Pressegroßhandels. Bis auf den Osten  Deutschlands gehört der Pressegroßhandel weitgehend Erb-Dynastien, die keinen Wettbewerb dulden. Sie garantieren dafür, dass jede Zeitschrift zumindest einige Monate lang am Kiosk ihr Glück versuchen darf. Der Kiosk kostet alle Wirtschaftsmedien mehr als er bringt. Die Einzelverkäufe sind viel zu niedrig für den Aufwand. Die meisten Medien würden eine Menge Geld sparen, wenn sie nur noch Abos anbieten.
Grund Nummer neun: Keine Fernsehpräsenz. Trotz der zunehmenden Professionalität von digitalen Kanälen hat es kein Verlag geschafft, ein spannendes Wirtschaftsformat mit weltweiten Reportagen und interessanten Interviews zu generieren, obwohl recht gute Wirtschaftsjournalisten im öffentlich rechtlichen Fernsehen unterwegs und vielleicht zu haben sind. Das Abenteuer n-tv und N24 funktioniert nicht wirklich, weil kein Geld in diese Medien investiert wird.
Grund Nummer zehn: Newsdesks und Redaktionszusammenlegungen. Gruner+Jahr hat vier Marken aus Kostengründen auf eine Visitenkarte gesetzt und jeder weiß, dass das ein Fehler war, die Identität der Marken FTD, Capital, Impulse und Börse Online wurde beschädigt.  Sicherlich können Redakteure verschiedene Medien bedienen, den Stolz auf das eigene Blatt befördert man dadurch nicht. Das mag mit Fernsehzeitungen und Goldenen Blättern funktionieren, in der Wirtschaftspresse ist es falsch und schädlich.
Allgemein gesprochen: Redaktionszusammenlegungen verhindern systembedingt Individualität. Ein Kartell von leitenden Redakteuren sitzt täglich zusammen und bestimmt, was veröffentlicht wird. Henri Nannen hätte so nie gearbeitet. Redaktionszusammenlegungen produzieren "Content" als homogenes Gut für verschiedene Medien inkl. Internet.  Im Internet kann jeder schreiben wie er will, im Newsroom wird geglättet und das ist schade. Newsdesks verpassen jedem Artikel die gleiche Schreibe, sie verhindern letztlich herausragende Autoren, zumal sie auch tendenziell Gerechtigkeitsprinzipien bei der Verteilung von Platz folgen.  Dabei kann gerade die Sprache ein großer Lese-Anreiz sein, wie etwa Henrik M. Broder laufend vorführt. Freilich: Schreiben muss man schon können.

Nachwort: An den Redakteuren zu sparen ist die falsche Strategie. Mit Kosteneinsparungen kann eine schlechte Redaktion nicht besser, sondern nur schlechter werden. Und dann sollte man lieber den Laden schließen. In die richtigen Autoren und Redakteure zu investieren kann ein Blatt umgekehrt wieder blühen lassen. Aber es müssen dann schon die richtigen Autoren sein.

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Dienstag, 13. November 2012

Frankfurter Rundschau, dapd, FTD, Prinz

Zum Jahresende scheinen deutsche Verlage aufräumen zu wollen. Die negativen Schlagzeilen der letzten Tage lassen nichts Gutes für die Print-Presse ahnen. FTD möglicherweise vor dem Aus. Frankfurter Rundschau und dapd melden Insolvenz an, Prinz soll eingestellt werden...Wenn sich solche Nachrichten häufen, dann löst das in den anderen Verlagen keineswegs Genugtuung aus, sondern die Frage: "Müssen wir nicht auch handeln?"
Es ist deshalb zu befürchten, dass noch weitere Wackelkandidaten zur Disposition stehen. In den USA gibt es Newsweek ab 2013 nur noch als Online-Angebot. Das Nachrichtenportal Huffington Post zeigt schon lange, das so etwas funktionieren kann. Umso dramatischer ist, dass ARD und ZDF mit ihren GEZ-finanzierten Online-Angeboten privaten Verlagen das Wasser abgraben. Dass die Verleger in Ihrem Kampf gegen die Öffentlich-Rechtlichen  hier bislang kaum Fortschritte erzielen, ist bedenklich.


Montag, 12. November 2012

Gruner+Jahr: Am 21.November wird es ernst für die Wirtschaftspresse

Die FAZ hat heute einen Insiderbeitrag zur Gruner+Jahr veröffentlicht: "Den Wirtschaftsmedien droht das Aus."

Am 21. November soll verkündet werden, was aus der G+J-Wirtschaftspresse (FTD, Capital, Impulse, Börse Online) wird.

Die FAZ beruft sich auf interne Informationen. „Die Tendenz geht Richtung Schließung“,wird  "ein Manager" zitiert. Danach summiert sich die FTD-Verlust inzwischen auf 250 Millionen Euro seit Gründung, und in diesem Jahr sollen wieder zehn Millionen Miese entstanden sein. Das sieht nicht gut aus für die 350 Kolleginnen und Kollegen, die für die Wirtschaftspresse unter der Leitung von Ingrid Haas arbeiten.
Das maue Anzeigengeschäft verhagelt auch anderen Wirtschaftsmedien die Bilanz.  Offensichtlich handelt es sich um ein Branchenproblem. 
Wie können Wirtschaftsmedien überhaupt noch überleben? Ich denke auf Dauer nur, wenn sie es schaffen, jüngere Leser an sich zu binden oder ganz gezielt die ältere Zielgruppe ansprechen. Jüngere Leser kaufen sich keine Print-Titel, schon gar nicht Wirtschaftsmedien. Sie lesen nur noch im Internet.  Da das durchschnittliche Alter von Erben bei etwa 55 Jahren liegt, kann Capital als Print-Titel die zunehmende Zahl der wohlhabenden Älteren bedienen, für die aber eine andere Sprache und vor allem andere Themen gefunden werden müssen. Börse Online kann als rein digitaler Titel weiterlaufen oder Portale wie Onvista mit journalistischen Inhalten füllen. Impulse, von Nikolaus Förster sehr schön modernisiert, scheint mir ausbaufähig. Die FTD ist offensichtlich nicht verkäuflich und wird deshalb wohl zugemacht werden müssen. Journalistisch wäre das sehr schade.

Sonntag, 11. November 2012

Wenn Unternehmen Journalisten einladen

Das "Investigativ-Team" unter jörg Eigendorf hat zugeschlagen. Eigendorf enthüllt in der heutigen Welt am Sonntag Journalistenreisen des  Stahlbauers Thyssen nach Südafrika und China.
Flugreisen 1. Klasse usw.
Nun, vielleicht haben Verlage inzwischen wieder so viel Geld, dass sie die Kosten für solche Reisen wieder selbst bezahlen können.
Der Punkt ist aber, dass Journalisten, die sich nicht mehr einladen lassen, sich in ihrer Arbeit selbst beschränken. Sie nehmen dann nur noch noch inländisches wahr,  sie haben keinen direkten Draht zum Vorstand und sie spekulieren mehr als sie wissen.  Ob sich ein Journalist durch eine schöne Reise zum Schönschreiben verleiten lässt, wage ich zu bezweifeln. Als Chefredakteur von Capital habe ich Einladungsreisen zugelassen und auch selbst angenommen. Nur so habe ich Vorstände intensiv kennen gelernt und  mir ein Bild machen können.

Einladungsreisen ersparen den Verlagen eine Menge Geld, und es liegt ausschließlich am Journalisten,  was er damit anfängt. Ansonsten: Gönnt doch den Kollegen auch mal eine schöne Reise und hängt alle etwas tiefer.

P.S.Eine Idee finde ich allerdings  gut: Dass Journalisten am Ende ihres Artikels mitteilen, ob sie eingeladen waren.


Donnerstag, 8. November 2012

Facebook marschiert weiter

Viel Gegenwind bekam Facebook in den letzten Monaten, vor allem weil sich der Aktienkurs halbierte. Aber die Zahlen beeindrucken mich- 584 Millionen Nutzer nutzen täglich Facebook. Und die Erlöse wachsen:




Facebook gewinnt zunehmend Nutzer von Smartphones. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer im Mobilbereich ist von 196 (2010) auf 604 (2012) Millionen gestiegen. Zunehmend werden hier Werbeeinnahmen generiert.
Ein Kurs um die 20 US $ scheint mir ein ziemlich guter Kaufkurs zu sein.

Mittwoch, 7. November 2012

Schade, Mitt Romney

Mit meiner Wette lag ich nun doch daneben. Obama hat "four more years" bekommen. Mitt Romney hat einen starken Wahlkampf abgeliefert. Doch nun geht das Leben weiter. Die Republikaner werden Obama das Leben weiter schwer machen,  so dass große Reformen nicht zu erwarten sind.
Ich zitiere die WELT von heute:
"Die Machtverhältnisse im US-Kongress bleiben unverändert: Während die Republikaner ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus bei der Kongresswahl verteidigen konnten, behielten die Demokraten die Oberhand im Senat, wie US-Fernsehsender berichteten. Mit dem Wahlausgang dürfte nach Einschätzung von Experten der politische Stillstand in Washington bei wichtigen Themen weiter fortbestehen."
Für die Aktienmärkte, meint Investmentlegende Ken Fisher, ist das positiv. Sie mögen am liebsten, wenn neue Gesetze in der Schublade bleiben.

Dienstag, 6. November 2012

Ich wette, Romney gewinnt die US-Wahlen

Die deutschen Medien haben sich in den letzten Wochen völlig gedreht. Bis vor kurzem war Obama, den sich angeblich 90% der Deutschen als nächsten Präsidenten wünschen, in den Medien der klare Favorit. Inzwischen liegt Romney gleichauf. Wie konnte das passieren?  Die Fernsehduelle haben Romney wahrscheinlich entscheidend nach vorne gebracht. Hier konnte sich Romney als gleichwertiger Gegner Obamas positionieren, und seitdem hören ihm die Leute zu. Vor wenigen Tagen erhielt ich als eines von 150 Millionen Linkedin-Mitgliedern von Mitt Romney folgende Botschaft:

"President Obama promised change, but he could not deliver it. I promise change, and I have a record of achieving it. This is why I am running for president. I know how to change the course the nation is on, how to get us to a balanced budget and how to build jobs and rising take-home pay. Accomplishing real change is not something I just talk about--it is something I have done. And it is what will do when I am President of the United States. If you believe we can do better, if you believe America should be on a better course, if you are tired of being tired, then I ask you to vote for real change. Paul Ryan and I will bring real change to America, from Day One."

Obama war mit "yes we can" gestartet, doch er hat nur wenige seine Versprechen durchgesetzt und die größten Schulden aller Zeiten zu verantworten. Jetzt verspricht Romney Veränderungen und viele glauben, dass er es besser kann. Dass er Mormone ist, stört in den USA niemanden. Religion ist dort Privatsache. 

Viele Europäer vergessen, dass die Wurzeln Amerikas in einer Abkehr von der Intoleranz europäischer Gesellschaften und der bis heute dominierenden staatlichen Bevormundung liegen. Deshalb sind Millionen nach Amerika ausgewandert. Die Ärmel hochzukrempeln statt zu jammern, das steckt den Amerikanern im Blut, wie man jetzt wieder nach dem Hurricane sehen kann.
Nur 10 Prozent der US-Amerikaner waren überhaupt schon einmal außerhalb ihres Landes. Europa ist für die meisten uninteressant. 
Der Spiegel sieht den "Niedergang einer großen Nation". Das halte ich für großen Blödsinn. Die USA sind nach wie vor Wirtschafts-, Technologie- und Weltmacht Nummer eins.  Die Universitäten ziehen nach wie vor weltweit die besten Studenten an. 
Dass hierzulande viele mit dem amerikanischen Pathos nichts anfängen können, heisst nicht, dass Amerika schwach ist. Die Wirtschaft schwächelt, ja das ist richtig. Und Hurricane Sandy war furchtbar, ja. Aber die extreme Flexibilität und Regenerationsfähigkeit der Unternehmen wird durch solche Situationen massiv angestoßen. Der Riese wird schon bald wieder seine Muskeln spielen lassen. Mit oder ohne Obama.

Montag, 5. November 2012

Wetten dass und Markus Lanz

nachdem ich mir am Samstag einmal gezielt "Wetten dass" angesehen habe,und BILD am Sonntag den neuen Moderator Markus Lanz auch noch lobte, muss ich doch mal Wasser in  den Wein gießen. Kaum dass ich es schreiben wollte, lese ich im Kress-Report, dass Tom Hanks über die Sendung heftig gelästert hat: In den USA wäre  der Verantwortliche schon allein für die Überlänge von vier Stunden gefeuert worden. Recht so!
Dass sich die Hollywood-Legende eine Stadtmusikantenmütze aufsetzen  und den Moderator sackhüpfend um sich kreisend erleben musste, war einfach nur peinlich. Wie originell.  "Echtes Qualitätsfernsehen", lästerte Tom Hanks. Mit welchem Eindruck geht so ein Star nach Hause, der anfangs noch von seinen Erlebnissen in Eisenhüttenstadt erzählt hatte?
Dass die Quote so hoch war, lag einzig an den Wetten und Robby Williams, nicht an Lanz. Die Kameraführung war amateurhaft, zu wenige Großaufnahmen, zu viele Fernblicke auf das Sofa. Möglichst alle drauf und wenig zu sehen. Entspannter soll er diesmal gewesen sein, meint seine Frau? Das habe ich nicht bemerkt. Wie er auf seine Wettkandidaten einredete - am schlimmsten bei dem dreizehnjährigen Wettkandidaten - das war unsouverän. Man hatte den Eindruck, dass Lanz permanent Angst davor hatte, den Faden zu verlieren und den nächsten Witz zu vergessen. Die Gespräche mit den Stars waren langweilig, die Witzefade, Schlagfertigkeit sieht anders aus. Der für Cindy eingesprungene Atze Schröder war in den Minuten seines Auftritts dreimal besser als Markus Lanz. Das ZDF hat mit dieser "Wetten dass"- Sendung seinem verstaubten Image alle Ehre gemacht.

Freitag, 2. November 2012

Steinbrück ist nicht zu halten.

PR-technisch hat Steinbrück in Sachen Vorträgen richtig gehandelt, als er alle Vorträge auf den Tisch gelegt hat. Im Handelsblatt las ich Erleichterung darüber, dass diesmal keine Neiddebatte in Gang gesetzt wurde. Naja. Darum geht es auch gar nicht, und deshalb ist die Angelegenheit noch nicht ausgestanden. Ich sage voraus, dass Steinbrück als Kanzlerkandidat nicht zu halten ist. Er wird irgendwann die Brocken hinschmeißen und dann heißt der Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel.
Transparenz bringt es eben mit sich, dass neue Fragen gestellt werden, zum Beispiel nach dem höchsten Honorar in dieser Liste, das er von den Stadtwerken Bochum hielt - 25.000 Euro - und angeblich spenden sollte, was er bestreitet. Das Geld hätten die Stadtwerke einer hochverschuldeten Kommune eigentlich auch direkt spenden können.  Warum haben sie es nicht getan? Vermutlich, weil sie es Steinbrück überlassen wollten. Und der hat es dann nicht gespendet. Vielleicht hat er sich dafür entschieden, eine neue Küche zu kaufen? Sein Vortrag auf dem "Forum Küchenkompetenz" könnte inspirierend gewesen sein.
Steinbrück wurde bei Journalisten laut Wikipedia "überwiegend positiv gesehen". Warum eigentlich? Der ehemalige Mitarbeiter von Helmut Schmidt, der mit ähnlich schneidender Stimme vortragen kann, war später Büroleiter des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau, dann Finanzstaatssekretär von Björn Engholm und später Bundesfinanzminister. Er war es, der im September 2008 als Bundesfinanzminister über 100 Milliarden Euro Staatsgeld in die Schieflage der Hypo Real Estate HRE pumpte. Im Januar 2008 hatte ihn Bafin-Chef  Sanio bereits vor der Schieflage gewarnt und später die Ansicht vertreten, dass zu diesem Zeitpunkt das Desaster noch hätte vermieden werden können.
Zusätzlich zu seinen Pensionsansprüchen und seinem Abgeordnetengehalt hat der Sozi Peer Steinbrück seit 2010 für 1,25 Mio.Euro Vortragshonorare einkassiert. Nicht schlecht. Den Banken hat er für durchschnittlich 15.000 Euro ordentlich die Leviten gelesen, sagt er. Bravo! Wahrscheinlich hat er das bei jedem Vortrag gemacht. Unter den Auftraggebern sind übrigens auch die Spielautomatenhersteller, die neue kommunale Steuern fürchten. Denen hat er bestimmt auch die Leviten gelesen.
Man darf davon ausgehen, dass es sich nicht jedes Mal um einen ganz neuen Vortrag gehandelt hat. Zwei drei Varianten. jeweils ein bisschen aktualisiert und dann vorgetragen. Steinbrücks benutzt bei seinen Vorträgen übrigens  gerne den mahnenden Finger. Doch die Geldgier, die er bei Bankern gerne anprangert, stellt sich plötzlich als seine eigene, wesentliche Eigenschaft heraus. Um Neid geht es dabei nicht, sondern um Glaubwürdigkeit.


Montag, 29. Oktober 2012

Steingart und Jakobs beim Handelsblatt

Das ist eine faustdicke positive  Überraschung: Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblatts wird Chef der Verlagsgruppe Handelsblatt, meldet der Kress Report. Und  Hans-Jürgen Jakobs, Leiter des Wirtschaftsressorts  der Süddeutschen Zeitung, wird sein Nachfolger als Chefredakteur. Endlich mal wieder ein Verlag, der den Mut hat, einen Journalisten an die Verlagsspitze zu holen.
Ich kenne beide Journalisten seit vielen Jahren.
Steingart war Mitte der achtziger Jahre als Volontär von der Holtzbrinck-Journalistenschule in das Ressort Wirtschaft und Politik gekommen, als ich dieses Ressort leitete. Auch Jakobs ist ein alter Holtzbrinck-Fahrensmann, ich erinnere mich an seine Zeit bei einem - später eingestellten - Medienmagazin von Holtzbrinck, das Klaus Hattemer entworfen hatte.
Mit diesen beiden Journalisten hat sich der Verleger Dieter von Holtzbrinck stark aufgestellt. Seit 1. Juni 2009 gehören ihm (über die DvH Medien GmbH) wichtige Teile der bis dahin  von seinem Bruder Stefan von Holtzbrinck kontrollierten Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck: Alle Anteile an der Verlagsgruppe Handelsblatt, die Tagesspiegel-Gruppe sowie 50 Prozent am Verlag der Wochenzeitung Die Zeit, dessen operative Führung die DvH Medien übernommen hat. Während Stefan mutig, aber bislang wenig glücklich viel Geld in Internet-Portale investierte - der Absturz des teuer eingekauften Portals Studi-VZ ist ein einziges Drama - hat sich Dieter die Perlen des Hauses im Zeitungsbereich einverleibt und verlegerische Qualitäten bewiesen(die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ist besonders stark im Buchbereich und international gut aufgestellt).

Zwei starke Persönlichkeiten steuern nun die Geschicke des Handelsblatts: Steingart ist rhetorisch begabt, kreativ, aufgeschlossen für Neues, undogmatisch und schnell. Er wäre der richtige Mann, um Gruner + Jahr die FTD abzukaufen, und sie als eigenständige Redaktion bei gemeinsamer Vermarktung mit dem Handelsblatt fortzuführen.
Jakobs ist bissig und investigativ.  Ein erfahrener Wirtschaftsjournalist mit besten Kontakten in die Unternehmen. Der Aufstieg Steingarts wird manchen im Handelsblatt aufatmen lassen, denn Steingart hatte seine Ecken und Kanten. Aber Jakobs ist vom gleichen Schlag. Ihn interessieren nicht die persönlichen Befindlichkeiten, er ist genauso ehrgeizig und heiß auf gute Geschichten. Man kann nur hoffen, dass sich das nicht wie früher nur in zugespitzten Überschriften niederschlägt, sondern in Substanz, wie die Handelsblatt-Werbung bekanntlich verspricht.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Öffentlich Rechtliche und die Parteien

Warum gab es eigentlich so große Aufregung, bloss weil ein Pressesprecher der CSU (erfolglos) beim ZDF anruft, um einen Bericht über die bayerische SPD zu verhindern?  Und dann hat sich auch noch jemand beim bayerischen Fernsehen beschwert, unerhört so was.
Wenn Journalisten jedes mal so einen Aufstand machen würden, wenn sich jemand beschwert, kämen sie gar nicht mehr zu ihrer Arbeit. Jede gute Redaktion kennt solche Einflussnahmeversuche, auch aus der Wirtschaft. Wer die Medien kennt, weiß, dass es ziemlich sinnlos ist, sich zu beschweren, es sei denn man hat handfeste juristische Argumente gegen falsche Berichterstattung.
In meiner Zeit bei Capital beschwerte sich nach fast jeder Ausgabe ein Vorstand, wenn unser Unternehmensressort mal wieder was rausgefunden hatte, was ein Konzern nicht öffentlich machen wollte. Der damalige Mercedes Vorstand Werner wollte sogar ein ganzes Heft vor der Auslieferung einstellen lassen, was Schrempp persönlich verhinderte.
Die Empörung letzte Woche hatte etwas heuchlerisches. Am peinlichsten das Interview, das Claus Kleber dazu mit dem ZDF-Chefredakteur Frey führen musste. Die Körper sprachen Bände. Kleber fühlte sich sichtlich unwohl, und Frey gab eine komische Figur ab. So ist es eben wenn "Betroffene" sich selbst interviewen. Die armen Betroffenen. Sowas von betroffen.
Die öffentlich rechtlichen Sender sind politisch beeinflusst, das ist doch nichts Neues. Als ich mich in den achtziger Jahren einmal beim WDR beworben hatte, wurde ich nach meiner Parteimitgliedschaft gefragt. Als ich wahrheitsgemäß die CDU angab, gab man mir tatsächlich klar zu verstehen, dass die Position aus Proporzgründen nur an ein SPD-Mitglied vergeben werden könne.
Im Bayerischen Fernsehen redet die CSU mit, auch wenn Siegmund Gottlieb das öffentlich von sich weist. Der Posten des Chefredakteurs wird seit Jahrzehnten nicht ohne Zustimmung der CSU besetzt.
Die Parteien sitzen in den Aufsichtsgremien der öffentlich rechtlichen Sender und sie machen - etwa bei der Besetzung des Spitzenpersonals  - von ihren Einflussmöglichkeiten auch ehr oder weniger dezent Gebrauch. Müssen wir das beklagen? Einen guten Journalisten beeindruckt das nicht. Er macht seine Arbeit. Und in den Öffentlich Rechtlichen hat er noch nicht mal ein Risiko, denn er ist praktisch unkündbar und bekommt eine fette Pension. Und übrigens gibt es auch noch viele private Sender, die keine Gebühren kassieren.




Donnerstag, 25. Oktober 2012

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Romney und die deutschen Medien

Es wird viel über die Endphase des Wahlkampfes in den USA berichtet. Die deutschen  Medien hatten sich seit Monaten auf Obama als Sieger festgelegt.
Jetzt wundern sie sich, dass Mitt Romney mit Barrack Obama gleichauf liegt, und durchaus Chancen hat zu gewinnen. Nach der ersten Fernsehdebatte wachten plötzlich alle auf und wunderten sich.
Der Mechanismus ist recht einfach: Deutsche Chefredakteure lesen (wenn überhaupt amerikanische Medien)  New York Times und sehen CNN. Das sind die "liberalen" Medien der Ostküste. Genauso die Korrespondenten. Von ihnen gab es seit Monaten kaum kritische Berichte über Obama, dafür umso mehr Häme gegen Romney.
Liberal ist in den USA anders als hierzulande definiert. Gemeint sind im Zwei-Parteien-System der USA die Demokraten und die mit ihnen verbundenen Medien, die von den Republikanern pauschal als Linke bezeichnet werden. Neokonservative verbinden mit den Liberalen vor allem  staatliche Bevormundung und Geldverschwendung.
Diese konservative Grundeinstellung ist in den USA vor allem im mittleren Westen stark. In vielen  Bundesstaaten, die bei den letzten Wahlen auf Obamas Seite standen, sieht man aber auch, wie wenig Obama von seinen Versprechungen eingehalten hat. Das "Yes we can" war aufrüttelnd, aber fast alle Reformansätze blieben stecken. Und die USA kämpfen immer noch in Afghanistan.
Ob Romney ein guter Präsident wäre, wissen wir alle nicht. Uns Deutschen sind seine Positionen fremd: Ein Multimillionär, Finanzinvestor (Heuschrecke!), ein Mormone und Abtreibungsgegner, ein Befürworter der Todesstrafe und Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen als Präsident? Das kann und will sich hier niemand vorstellen. In den USA gruselt so etwas nur die Liberalen, nicht die Mehrheit der Amerikaner.
Die eigentlichen Probleme liegen jedoch im Staatshaushalt, der hohen Arbeitslosigkeit und der Wirtschaft. Und hier trauen viele Amerikaner Romney mehr zu als Obama und seinen Demokraten.
Von 307 Millionen Amerikanern waren bei den letzten Wahlen 2008 etwa 230 Millionen wahlberechtigt (alle über 18jährigen) und davon gingen 130 Millionen zur Wahl (56,8%). Es wird erwartet, dass jüngere Wähler diesmal politikverdrossener sind und weniger wählen. Romney ist also möglich. Und wir sollten uns darauf einstellen.



Dienstag, 23. Oktober 2012

Erfahrungen mit Kabel Deutschland

Bei meinem letzten Umzug habe ich in Mainz konsequent auf neue Anbieter gesetzt: Strom, Gas, Telefon, Internet, Fernsehen. Bei Strom und Gas spare ich  erheblich, der Übergang hat reibungslos funktioniert.
Bei Internet und Fernsehen habe ich mit Kabel Deutschland offensichtlich einen ziemlich großen Fehler gemacht. Dieser Anbieter verspricht günstige Angebote und macht einen großen Zirkus rund um seinen Kundenservice. Aber die Werbung ist irreführend. Im Internet wird High Speed bis zu 100 MB versprochen. Ich habe mir einen Router in die erste Etage legen lassen, um von dort aus drei Etagen zu versorgen. Im ersten Stock kommen schon mal nur maximal 60 MB an. Und im Erdgeschoss kommen dann noch ganze 100 KB an, wie der bestellte Techniker herausfand (den ich zusätzlich bezahlen muss). Man müsste einen Verstärker im Erdgeschoss anbringen, aber das kann der Techniker von Kabel Deutschland nicht. Oder man muss einen zweiten Vertrag bestellen. Oder den Router ins Erdgeschoss legen, was dann zu schlechtem Empfang im ersten Stock führt...Auch das bestellte Fernsehpaket - Programme in HD Qualität - funktioniert nicht richtig. Es kommt beim HD-Empfang permanent zu Aussetzern. Trotz aller Messungen, Austausch von Steckdosen und Kabeln ist das Problem seit vier Wochen immer noch nicht gelöst. Beim  Kauf eines Ersatzkabels im Mediamarkt besuchte ich einen Stand von Kabel Deutschland. Dort erfuhr ich, dass ich Internet und Fernsehen als EIN Paket hätte kaufen können, das hätte 5 Euro weniger gekostet und ich hätte einen 200-Euro-Einkaufsgutschein (!) für den Mediamarkt bekommen. Ich fühle mich wie das legendäre HB-Männchen.
Emails werden ansonsten relativ schnell mit einem Schwall von Textbausteinen beantwortet. Wie man die Datenmengen steuert und so. Nach einigem hin und her dann dieses:
Sehr geehrter Herr Brunowsky,
vielen Dank für Ihre Anfrage.
Bitte entschuldigen Sie die verspätete Antwort.
Wir bitten Sie um Entschuldigung!
Es tut uns leid, dass Ihr Internetanschluss im Moment nicht in der gewohnten Qualität funktioniert. Wir haben die Leitungen gleich geprüft und festgestellt, dass Ihnen derzeit nicht die volle Bandbreite zur Verfügung steht.
Selbstverständlich arbeiten wir bereits daran, den Fehler so schnell wie möglich zu beheben. Wir möchten natürlich, dass Sie mit uns zufrieden sin
d.


Randbemerkung: Nach meinem Vertragsabschluss mit einem Call Center rief mich dann noch eine Dame aus der Qualitätssicherung an, die meine Zufriedenheit mit dem vorherigen Gespräch abfragen wollte. In diesem Gespräch fiel mir die Frage ein, ob ich eigentlich mit dem erworbenen Receiver auch in der oberen Etage in HD-Qualität fernsehen kann. Natürlich nicht, dafür müsste ich einen weiteren Vertrag bestellen. Ich bat um Rückverbindung zu der anderen Kollegin - nicht möglich. Am Schluss Rechthaberei und heftiger Streit. Die Qualitätssicherung war schlimmer als das zu überwachende Call-Center.



Samstag, 20. Oktober 2012

Bertelsmann: Rabes schwarzer Tag

Gruner+Jahr bleibt für Bertelsmann ein Problemfall. Dass die Jahr-Familie ihre Gruner+Jahr-Anteile nicht gegen Bertelsmann-Anteile und schon gar nicht gegen RTL-Anteile eintauschen wollte, ist für den mit soviel Vorschusslorbeeren gestarteten Bertelsmann-CEO Thomas Rabe ein herber Rückschlag. Im Grunde ist gleich sein erstes, von ihm öffentlich propagiertes Projekt gescheitert. Es bleibt vorerst alles beim Alten.
Dass Bertelsmann nun den Geldhahn für die Neuausrichtung der selbstbewussten Hamburger Tochter weit öffnen wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Jahr-Familie hat zwar jetzt verhindert, dass Bertelsmann die Option eines Verkaufs von G+J  nicht ziehen kann, doch das ist ein Pyrrhussieg, der den Hamburger nur eine Atempause verschaffen wird. Langfristig wird sich der Druck kontinuierlich verstärken und das werden vor allem die Redaktionen mit weiteren Kostensenkungsrunden zu spüren bekommen.
Rabe hatte den Wunsch nach Übernahme der Jahr-Anteile in der FAZ unter anderem damit begründet, dass die RTL-Sender enger mit den G+J-Redaktionen zusammen arbeiten könnten.  Warum ginge das nicht auch ohne den vollständigen Besitz von G+J? Weil RTL und die G+J-Redaktionen völlig unterschiedliche Kulturen repräsentieren. RTL ist im Grunde Boulevard pur, die Bildzeitung unter den Fernsehsendern. Dagegen sprechen auch nicht die renommierten Nachrichtenformate und Figuren wie Peter Klöppel. Auch BILD hat hohe Nachrichtenqualität. Selbst wenn Stern-TV ein einigermaßen gelungenes Modell der Markenübertragung ist, die Redaktionen von Stern, Geo und Brigitte sind aus ihrer Sicht nicht kompatibel mit RTL. Die Journalisten in diesen Medien sind in einer anderen Welt zuhause. "Deutschland sucht den Superstar" oder "Dschungelcamp" sind für die Hanseaten unterste Schublade. Deswegen war wahrscheinlich auch Angelika Jahr gegen den Ausstieg. Man müsste die Redaktionen schon zur Kooperation zwingen, und das ginge nur ohne die Jahr-Familie.
Die dürre Pressemitteilung von gestern muss man gelesen haben. Soviel Verkleisterung habe ich selten in einer Presseinfo gesehen. In ROT habe ich deshalb erfunden, was nicht gesagt wurde:

" Bertelsmann und die Jahr Holding sind im Verlaufe ihrer Gespräche über die künftige Ausrichtung (bei denen es nicht um die Ausrichtung, sondern um die Machtverhältnisse ging) von Gruner + Jahr einvernehmlich zu der Entscheidung gelangt, dass sie Europas größtes Zeitschriftenverlagshaus (in der die Zeitung FTD das größte Problem ist) auch in Zukunft gemeinsam (genauso wenig wie in der Vergangenheit) weiterentwickeln werden. (Wir werden dabei wie bisher kein Geld geben, wenn es uns nicht sinnvoll erscheint). Die Anteilsverhältnisse an der Gruner + Jahr AG & Co KG bleiben (leider)  unverändert.

Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, erklärt: „Bertelsmann wird die mehr als 40 Jahre währende, erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Familie Jahr (jetzt doch)  fortsetzen. (Leider habe ich die Erfolgsaussichten für eine Anteilsübernahme völlig falsch eingeschätzt. Sonst hätte ich mich nicht öffentlich so positioniert.) Wir werden die starke Position von G+J im Mediengeschäft ausbauen, die Digitalisierung von Inhalten und Marken vorantreiben und die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. (Mit diesem Versprechen hat die Jahr-Familie auf ganzer Linie gesiegt. Das werde ich nicht so schnell vergessen). Bertelsmann fühlt sich dem Qualitätsjournalismus als einem inhaltlichen Kern seiner Geschäfte auch in Zukunft verpflichtet.(Diese Selbstverständlichkeit musste ich auf Wunsch der Jahrfamilie nochmal ausdrücklich betonen. Sei´s drum.)

Winfried Steeger, Geschäftsführer der Jahr Holding GmbH & Co. KG, (spricht wie ein Sieger und) sagt: „In den intensiven (wir haben wirklich ganz lange miteinander gesprochen) und konstruktiven (Bertelsmann hat uns verstanden) Gesprächen mit Bertelsmann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir die anstehenden (teuren) Herausforderungen für G+J am besten gemeinsam werden meistern können (indem Bertelsmann uns möglichst viel zahlt und möglichst wenig reinredet). Beide Gesellschafter kennen das Verlagshaus seit langem, vertrauen einander und werden (unter unserer Anleitung) G+J in eine gute Zukunft führen.“

Dienstag, 16. Oktober 2012

Plagiate

Das Internet hat viele schlechte. aber auch manche guten Seiten. Eine von letzteren ist die Fähigkeit, abgeschriebene Texte zu entlarven. Ohne das Internet hätten weder Herr von und zu Guttenberg noch Frau Sass (Stoibers Tochter), Frau Mathiopoulos oder Frau Koch-Mehrin ihren Doktortitel verloren. Und dass nun der Doktortitel der Bundesbildungsministerin im Fadenkreuz der Entlarver steht ist natürlich ein besonderer Knaller. Ich bin gespannt, ob Frau Schavan das durchsteht.
Plagiat und Urheberrecht stehen sich an vielen Stellen gegenüber. Dass auch im Journalismus viel abgeschrieben wird, ohne die Quelle zu nennen, hat fast jeder Journalist schon erlebt, wenn er seine Texte woanders wortwörtlich wieder findet. Geklagt hat dagegen noch niemand. Denn leider gibt es für abgeschriebene Geschichten und Zitate im Journalismus keinen Doktortitel, und Zitatquellen oder gar Fußnoten verlängern ja unnötig die Texte. "Copy and Paste" ist uns ja z.B. bei Microsoft Office geradezu aufgezwungen! Kopieren ist wesentlicher Bestandteil der digitalen Welt.
Wir könnten jetzt zwei Fragestellungen untersuchen: Wozu brauchen wir Doktortitel außerhalb der Wissenschaft, wo sie Voraussetzung für eine Professur sind?  Man muss kein Doktor sein, um Konzerne zu leiten. Der Chef der Telekom ist Studienabbrecher(siehe Handelsblatt von heute).
Zum anderen: Warum wird wird das Abschreiben nicht besser kontrolliert? Jeder Doktorvater könnte doch heute den Text seines Doktoranden durch ein Programm laufen lassen, das Archive nach wortgleichen Stellen durchsucht?

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Barschel und kein Ende

25 Jahre nach seinem Tod ist Uwe Barschel immer noch ein Thema. Gestern besuchte ich auf der Frankfurter Buchmesse die Pressekonferenz des ehemaligen Lübecker Ermittlungschefs Heinrich Wille. Vorgestellt wurde sein im Grunde altes Buch "Ein Mord, der keiner sein durfte"dessen Text nach seinen eigenen Aussagen von 2007 stammt und das bereits 2011 im Schweizer Rotpunktverlag erschienen ist. In dem Buch fehlen Antworten und Hinweise auf die wichtigste Fragen: Wer war der Mörder, wenn es denn ein Mord war? Wer hatte Interesse am Tod Barschels? Und wer wollte verhindern, dass Wille den Mordfall aufklärte?

Ich kannte Barschel. Als Bonner  Korrespondent der Wirtschaftswoche habe ich ihn gelegentlich interviewt. Ich kannte auch den Mann, der dem Spiegel die Geschichte verkauft hatte, dass Barschel ihn mit der Bespitzelung von Björn Engholm beauftragt hatte: Reiner Pfeiffer. Deswegen interessiert mich diese ganze Geschichte.
Pfeiffer war Redakteur eines kleinen Bremer Wochenblättchens namens Weser-Report, für das ich gelegentlich Kolumnen schrieb. Ein äußerst windiger Typ, wie ich erst später erfuhr. Er lieferte dem Spiegel eine Skandalstory liefert, die bis heute gravierende Lücken hat. Bei Wikipedia lesen wir über ihn: "Obwohl Pfeiffer immer wieder behauptet hatte, Ministerpräsident Barschel sei der Auftraggeber dieser zum Teil kriminellen Machenschaften gewesen, wurde später seitens verschiedener Ermittlungseinrichtungen die Glaubwürdigkeit Pfeiffers hierzu in Frage gestellt. Ferner gelang es nicht, die Urheberschaft Barschels zu beweisen." Nicht nur der Tod Barschels ist bis heute unaufgeklärt, auch die sehr obskure Rolle Pfeiffers, der später dann auch noch in der "Schubladenaffäre" (50.000 Euro für Pfeiffer aus einer Schublade des SPD-Landesvorsitzenden Janssen) die SPD in Schwierigkeiten brachte.

Irritiert hat mich gestern, wie locker der frühere Staatsanwalt Wille mit den Informationen aus Stasiquellen umging: Die Stasi scheidet für Wille aus, sie habe die Medien auch nicht instrumentalisiert.  Dennoch berichtete er viel über die damaligen Informationsflüsse: Der Chef-Toxikologe der Stasi sei der Hauptinformant für den Stern gewesen. Mit ihm habe er viel telefoniert, seit er sich geoutet hat. (Wieso läuft dieser Giftmischer immer noch frei herum?) Wille schwärmte von seiner Zusammenarbeit mit Spiegel und Stern, während er sich von dunklen Mächten gemobbt und in seiner Arbeit behindert sieht. Immer wieder der Hinweis auf Dinge, die er nicht hätte schreiben können. Dass  Stern-Reporter Knauer noch vor der Polizei am Tatort Fotos machte, kann kein Zufall gewesen sein. Er verschwand später im Kulturteil des Magazins.
Wie die Stasi sehr wohl Medien instrumentalisierte, bewies der angebliche Brief des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten an den damaligen Parteifreund CDU-Finanzminister Gerhard Stoltenberg, in dem Barschel ihn der Mitwisserschaft in der Affäre bezichtigte und mehr Unterstützung forderte. Dieser von "Panorama" und vom "Stern" veröffentlichte Brief von 1987 machte viel Furore und belastete Stoltenberg bis zu seinem Rücktritt 1992. Er stellte sich 1991 als lupenreine Fälschung der Abteilung X HVA des Auslandsnachrichtendienstes (Stasi) der DDR heraus, die den Brief verschiedenen Redaktionen zugespielt hatte.
Wille gibt an, die Gauckbehörde habe nicht alle Unterlagen geliefert, die sie über die Vorgänge hatte. Im Fernsehen sei ein Fax aus den Akten der Gauckbehörde gezeigt worden, das ihm nicht zugänglich gemacht worden sei. Und dann: Der BND habe versucht, die Ermittlungsbehörden zu instrumentalisieren. Dunkle Mächte waren wohl am Werk, deutet Wille mit Stichworten an: Vielleicht Israel, Iran, Südafrika, U-Boote. Die frühere HDW-Werft in Kiel baute U-Boote für den Export.
Beweise gibt für geheimdienstliche Hintergründe gibt es nicht. Vorstellbar ist vieles. Aber was ist die Wahrheit? Viel spricht für einen Mord, aber warum rollte man den Fall nicht noch einmal auf? Wille lieferte noch einmal ein paar Details, die einen Mord als plausibel erscheinen lassen: Zum Beispiel ein leeres Whisky-Fläschchen, das ausgespült worden war und in dem dennoch ein starker Giftstoff nachgewiesen werden konnte. "Welcher Selbstmörder spült eine Flasche mit vergiftetem Whisky aus?", so Wille.
Der Spiegel (hier klicken) berichtete 1990 über zahlreiche ungeklärte Mordfälle, die mit der Stasi in Verbindung gebracht wurden. Ich empfehle hierzu auch das präzise aufklärende Buch meines Freundes und Kollegen Michael Ludwig Müller, "Die DDR war immer dabei - SED, Stasi & Co und ihr Einfluss auf die Bundesrepublik". 
Das Kapitel Stasi ist noch längst nicht abgeschlossen.

Samstag, 6. Oktober 2012

Die bittere Wahrheit...

Das Magazin Focus beschäftigt sich in seiner in seiner neuen Titelgeschichte mit dem wichtigen Thema Pflegebedürftigkeit im Alter. Da es sich um ein Magazin mit Hang zum Optimismus handelt, sind auf der Titelseite verkaufsfördernd drei fröhliche Generationen zu sehen (Focus hat das Originalbild entfernt und diesen Link reingesetzt:
FOCUS-Titel: FOCUS-Titel
Das Bild vermittelt - anders als der Inhalt - leider eine in der Werbebranche weit verbreitete Oberflächlichkeit*: Wie schön ist es doch alt zu werden!
Die Wahrheit spricht Joachim Fuchsbergers in seinem Buch aus: "Alt werden ist nichts für Feiglinge".
Zufriedene Siebzigjährige in den Armen ihrer Kinder und Enkelkinder? Schön, wenn es so ist. Aber die Singularisierung unserer Gesellschaft macht das Bild zur Ausnahme.
Die bittere Wahrheit ist: Immer mehr Menschen sind am Ende ihres Lebens ganz allein. In ein paar Jahren werden über 10 Mio älter als 80 sein, davon über 3 Millionen dement.  Wir diskutieren über die private Pflege und diverse Zuschußmodelle. Doch wer kann demente Menschen wirklich privat pflegen?
Unsere Gesellschaft steuert  auf einen großen Eisberg zu, von dem wir nur die kleine Spitze sehen. Ja, ganz früher war es so, dass die demente Uroma im Wohnzimmer am Ofen ihr Plätzchen hatte, versorgt und gepflegt wurde bis sie irgendwann friedlich verstarb. Heute werden diese Menschen im Pflegeheim in gesonderten Häusern zusammen gefasst.
Sie sitzen tagsüber, ohne es noch wahrzunehmen, mit anderen zum Teil völlig stumpfsinnigen Dementen zusammen. Der Mittagstisch erinnert mehr an ein Irrenhaus als an gemütliches Altersheim. Daran muss man sich als Besucher gewöhnen. Glückliche Gesichter sehen anders aus. In guten Heimen werden die Dementen beschäftigt und mit allem versorgt, besser als man es privat könnte. Die Umgebung ist schön, die Pfleger sind freundlich. Und dennoch. Wer einmal im noch so schönen Pflegeheim landet, ist weggestellt. Und es gibt wohl keine Alternativen. Ich würde mir wünschen, mehr ehrliche Bilder zu sehen, auch wenn sie sicher nicht verkaufsfördernd sind.

*Zum Glück ist der Inhalt der Focus-Geschichte weitaus näher an der Wirklichkeit. Die Focus-Redakteure Barbara Esser und Herbert Weber sind einfühlsam und rechercheintensiv auf das Thema eingegangen. Sie liefern ein substanzielles,  umfangreiches Nutzwertpaket. Und dazu  Beispiele, wie die Generationen auch heute noch zusammen halten können.

Montag, 1. Oktober 2012

Ackermann: Gute Figur gemacht

Gestern ist es Günther Jauch gelungen, zwei Leute in seine Talkshow zu bringen, die aus zwei verschiedenen Welten kommen: Josef Ackermann, Ex-Chef der Deutschen Bank und Daniel Cohn-Bendit, den in die Jahre gekommenen "Revoluzzer", wie er vorgestellt wurde, dessen Sohn Investmentbanker werden will (!).
Glückwunsch zu diesem Coup!
Das Interesse an der Sendung war groß, alle Medien berichten darüber und viele Kommentare in den Online-Ausgaben belegen das Informationsbedürfnis der Leser.
Hier können Sie die Sendung noch einmal sehen.
Cohn-Bendit ist nun wahrlich kein Revoluzzer mehr, aber Unterhaltungswert hat der Europa-Parlamentarier der Grünen immer noch. Man könnte ihn sich gut neben den Rolling Stones vorstellen.

Mir gefiel der Mut (sich überhaupt dorthin zu begeben) und die Souveränität von Josef Ackermann, der Cohn-Bendits Klischees ("Ich habe keine Ahnung von Banken") eine Menge an Sachverstand entgegen zu setzen hatte, wenn auch immer wieder in Begriffen, die der Durchschnittsbürger nicht versteht. Dass sich die beiden immer mehr anlächelten, gefiel Spiegel Online nicht, aber was ist denn anderes von zwei freundlichen älteren Herrn mit spannender Vergangenheit zu erwarten? Das "Kamingespräch" (Spiegel Online) war informativer als manche Selbstdarstellung in Talkshows.
TV-Talkshow Moderatoren haben den großen Vorteil, dass Sie Ihre Gäste mit früheren Zitaten bildhaft vorführen können. So musste auch Ackermann seine eigenen Zitate über sich ergehen lassen. Doch hatte er immer eine plausible Antwort parat. Dass sich die einst von ihm anvisierte Eigenkapitalrendite von 25% auf das Eigenkapital und nicht auf die Bilanzsumme bezog, musste wohl noch mal gesagt werden. Und auch, dass viele Mittelständler weit höhere Renditen erzielen. Den Aussagen, man dürfe nur Produkte verkaufen, die die Kunden verstehen, wurde der 40 Mio-Verlust der Stadt Hagen durch eine Zinswette gegenüber gestellt, die die Deutsche Bank dorthin verkauft hatte. Ackermann: Mann muss sehen, dass solche Städte auch hochkarätige Finanzexperten an ihrer Seite hatten. Und keiner spricht über Kommunen, die damit Geld verdient haben. Richtig!
Die Deutsche Bank hat ihren Privatkunden laut Ackermann keine strukturierten Produkte verkauft. Auch das sollte vermerkt werden. Den Libor-Skandal durch einzelne (- auch Deutsch-) Banker kritisierte Ackermann scharf, bei den Lebensmittel-Spekulationen hat die Deutsche Bank inzwischen Konsequenzen gezogen. Die Deutsche Bank ist eben so groß, dass sie bei allen Verfehlungen der Finanzbranche immer mit auf der medialen und manchmal, wie in den USA, auf der echten Anklagebank sitzt - obwohl sie laut Ackermann die meisten Prozesse gewonnen hat, also aus ihrer Sicht streng auf die Legalität jeder Aktion achtet.
Immerhin gehörte die Deutsche Bank zu den wenigen Großbanken, die ohne Blessuren und Staatshilfe die Finanzkrise überstanden haben. Mit der Übernahme der Postbank und anderen Banken haben die Frankfurter dem Steuerzahler mit Sicherheit weiteres Geld erspart.
Ja, und dann war da noch das Steinbrück-Papier, das Jauch immer wieder hochhielt. Ackermann teilt Steinbrücks Ansicht, "dass wir auf europäischer Ebene einen Restrukturierungsfonds benötigen, um Banken auch grenzüberschreitend abzuwickeln". Das interessierte eigentlich niemanden mehr wirklich.

Montag, 24. September 2012

Helmut Kohl - warum lässt man ihn nicht in Ruhe

Der  Spiegel macht Helmut Kohl diese Woche zu seiner Titelgeschichte. Ein gebrechlicher alter Mann, um den sich seine 48jährige Frau Maike kümmert, und ihn vor dem Medienrummel zu schützen sucht. Das legen einige Zeitzeugen so aus, als ob seine Frau Politik macht. Mir egal. Ich frage mich: Warum wird so ein verdienstvoller Mann immer noch mit Preisen an die Öffentlichkeit gezerrt, nur damit sich Institutionen damit schmücken können - wie übrigens auch bei Helmut Schmidt?
Gibt es denn gar keinen Respekt mehr vor dem Alter?
Ich hatte Ende der neunziger Jahre die Ehre, mit Helmut Kohl zwei Stunden bei einer Flasche Riesling unter vier Augen zu sprechen. Ich war beeindruckt von diesem Politiker, der so viele Schmähungen aushalten musste.
Seine Büroleiterin Juliane Weber hatte mich am Freitag mittag angerufen und gefragt, ob ich ihn am Nachmittag im Bundeskanzleramt besuchen könnte. Es ging um ein Vorgespräch eines seit langem für Capital beantragten Interviews. Unterstützt hatte meine Anfrage Renate Köcher, damals die zweite Frau hinter Elisabeth Noelle-Neumann. Kohl hielt einen Monolog über die Oderflut als erstes gemeinsames deutsch-deutsches Erlebnis nach der Wiedervereinigung. Die Bundeswehr erstmals als verbindendes Element. Später erzählte er mir die Geschichte seiner Freundschaft zu Mitterand. Kohl hatte den letzten Widerstandskämpfer von Kleist, der fließend französisch sprach, mit Mitterand zusammen gebracht. Mitterand war von der authentischen Geschichte des deutschen Widerstands beeindruckt und reichte Kohl die Hand.
So wurden die beiden Freunde.
Kohls Engagement galt dem Frieden in Europa und der Wiedervereinigung.
Das ist Geschichte, nicht das Gossiping über die Familie Kohls.

Journalistenschicksal

Unter dem Kostendruck der Redaktionen leiden naturgemäß vor allem die Freien, für die sich niemand mehr einsetzen mag. 
Ein sehr kompetenter, auf Wissenschaftsthemen spezialisierter freier Journalist, ein überaus netter dazu, schrieb mir dazu heute:

"Ich schreibe mich so recht und schlecht durchs Leben. Nachdem mich die XXX Ende 2010 nicht mehr bezahlen wollte, bleibt mir keine andere Wahl. Ich arbeite für diverse Magazine wie YYY, XYZ  u.ä. Vor kurzem kam XX Online noch dazu. Ein kläglicher Rest des Journalismus, den ich mit Ihnen einmal begonnen habe. Aber irgendwie wird's schon weitergehen....
Ich träume immer noch von den schönen Geschichten, die sich schreiben lassen. Gerade ist mir eine schöne Zusammenarbeit geplatzt, weil sie merkten, dass die Geschichte, die auf einem Online-Dienst veröffentlicht worden ist, vor zweieinhalb Jahren schon mal in einem Magazin stand. Das war ein Magazin-Text, den sie für ein Honorar von 200 Euro quasi "geschenkt" bekommen haben. Nur weil die zuständige Redakteurin nicht fragte, ob der Text exklusiv sei. Das ist doch eine Frechheit."




Sonntag, 23. September 2012

Das neue Manager Magazin

Gestern erhielt ich das neue Manager Magazin. Chefredakteur Dr. Arno Balzer hat dem Magazin nach acht Jahren einen neuen Anstrich verpasst. Motto: Neuer Look, alte Tugenden. Art Direktorin Tana Wilde ist insgesamt ein guter Wurf gelungen. Die traditionelle intensive Fotoarbeit des Magazins wurde weiter entwickelt.Die verstärkte Nutzung von Versalien in Überschriften gibt den Themen etwas mehr Dramatik, die neue Interviewform (Fragen in kleinerer Schrift als Antworten) mehr Platz. Generell habe ich den Eindruck, dass das Layout bei dünner werdenden Heften den Texten etwas mehr Raum geben möchte. Das geschieht durch die Verkleinerung von Überschriften und kürzeren Vorspännen. Das Inhaltsverzeichnis wirkt allerdings wie ein Rückschritt. Die schwarzen Balken mit Kursivversalien sind keine gute Idee. Das Titelbild ist klassisch geblieben, eine richtige Entscheidung.
Hervorragend die Titelgeschichte von Gisela Freisinger über den Rothschild-Clan.
Etwas aufgeblasen wirkt die Geschichte über  den bevorstehenden Generationswechsel an der Spitze von SGL Carbon von Dietmar Student. Dass Deutschlands dienstältester Börsenvorstand Robert Köhler 2014 in den Ruhestand gehen soll, also in zwei Jahren, ist nun wirklich den Platz nicht wert, den ihm MM eingeräumt wird. Dass Susanne Kalten angeblich "erbost über ihr Führungspersonal" ist, mag glauben wer will. Wirklich belegt hat Student es nicht. Soweit ich weiß, ist Köhler mit Frau Klatten in bestem Einvernehmen. Viel Spekulation, wenig Substanzielles.

Freitag, 21. September 2012

Deutscher Journalistenpreis

Gestern abend war ich zu Gast bei der Verleihung des Deutschen Journalistenpreises in Frankfurt.
Hier die Gewinner.
Soviele Journalisten habe ich selten auf einer Gästeliste gesehen, der Preis ist also recht begehrt. Es gab über 330 Einreichungen. Insgesamt Preisgelder von 60.000 Euro, von denen ein Teil gemeinnützig gespendet wird. Unzählige Juroren sind eingebunden. Die Jurysitzungen funktionieren als Telefonkonferenzen. Urkunden gab es nicht nur für die Preisträger, sondern auch für die Nominierten. Neu für mich war das Modell "lobende Erwähnung".
Die Hälfte des Publikums musste etwa eineinhalb Stunden lang stehen, ich fand einen Nischenplatz auf der Heizung neben Staatssekretär Otto vom Bundeswirtschaftsministerium, der die ganze Zeit auf seinem Iphone Facebook-Posts versendete, inkl. Foto von der Location am Frankfurter Westhafen.
n-tv Redakteurin Corinna Wohlfeil moderierte mit Witz und Charme.
Sponsoren gab es auch eine ganze Menge, Sie durften sich auf der Bühne zu den Preisträgern stellen. Die längste Rede hielt Welt Chef-Investigativjournalist Jörg Eigendorf, der stets von seinen eigenen Worten gerührt wirkt, wenn er sich selbst zitiert ("wie ich vor einigen Tagen auf einer anderen Veranstaltung sagte"). Klaus Methfessel, Leiter der Georg von Holtzbrinck Journalistenschule wusste zu berichten, dass man am Telefon durchaus unterschiedliche Meinungen hatte. Und Euro-Chefredakteur Frank B. Werner brachte immerhin konkreten Nutzwert auf die Bühne, als er empfahl, griechische Anleihen auf Basis Schweizer Franken zu kaufen. WamS Finanzredakteur Frank Stocker, Preisträger für eine Reportage über seinen Kauf griechischer Anleihen "Enttäuscht, entrechtet, enteignet") berichtete so ganz nebenbei, dass er ganz im Gegensatz zu seiner preisgekrönten Geschichte inzwischen sogar einen Gewinn gemacht hatte.

Initiator ist mein PR-Agentur-Kollege Volker Northoff, der über sich schreibt:
Bankkaufmann (Deutsche Bank, Kiel) und Diplom-Volkswirt (Universität Bonn). Sechs Jahre Presse- und PR-Referent (Dresdner Bank, Zentrale Frankfurt), unter anderem zuständig für Börsenemissionen und den Aufbau der Pressearbeit in den neuen Bundesländern. Drei Jahre Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Leonberger Bausparkasse AG (Leonberg), verantwortlich für Pressearbeit, Mitarbeiterkommunikation, Investor Relations und Sponsoring. 1996 Agenturgründung. 


Dienstag, 18. September 2012

Wozu brauchen wir die Bundesbank?

Die Bundesbank ist leider überflüssig, man muss es so hart sagen. Nicht nur, dass sie als nationale Instanz nur noch die Versorgung mit Euros umsetzt. Schlimmer ist: Sie hat kein Gewicht mehr in der Europäischen Zentralbank. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann Jens Weidmann zurücktritt, zumal er jetzt auch noch vom Bundesfinanzminister attackiert wird.
Das Sagen hat längst die EZB, die heute für einen stabilen Euro verantwortlich ist, und für die wird ja auch der schöne Neubau in Frankfurt hochgezogen. Man sollte konsequent sein und aus der Bundesbank eine Verwaltungsfiliale der EZB machen. Das reicht, um Euros zu drucken und Banken zu refinanzieren.
Die politikfreie Bundesbank war bereits eine Illusion. Die EZB ist wie erwartet zu einer politischen Instanz geworden. Ökonomie ohne Politik funktioniert eben nicht.

P.S. Und davon wird die Welt auch nicht untergehen.

Sonntag, 16. September 2012

Bertelsmann im Deutschlandfunk


"Wie sich Bertelsmann die Zukunft vorstellt" - so berichtete der Deutschlandfunk am 15.September in seinem Magazin Markt und Medien.
Hier der Radiobeitrag als Audiodatei, indem ich zitiert werde.
Und hier der Beitrag als Print Ausgabe zum Nachlesen.


Freitag, 14. September 2012

Was der Bertelsmann-Chef in der FAZ nicht sagte

Ich habe mir mal den Spaß gemacht, die Interview-Aussagen (Das Interview finden sie im Original hier). von Thomas Rabe in der heutigen FAZ zu interpretieren und zwar, indem ich Rabes Aussagen frecherweise in rot ergänzt habe.

FAZ: Könnte die „Financial Times Deutschland“ die erste Publikation Ihres Hauses sein, die sich in ein reines Online-Medium verwandelt?

Rabe: Das ist eine Entscheidung des Vorstands von Gruner + Jahr. Ich will damit sagen, dass Gruner + Jahr genau dieses tun muss, und zwar schnell. 

FAZ: Bertelsmann hält 74,9 Prozent an Gruner + Jahr. Warum wollen Sie die 25,1 Prozent der Familie Jahr auch noch übernehmen?

Rabe: Ein Minderheitsgesellschafter hat meist ein Auge darauf, dass das Geschäft eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt. Die Frage ist allerdings, ob das für Gruner + Jahr in Zeiten der Medienkonvergenz noch der richtige Weg ist. Hierüber sind wir auf Gesellschafterebene mit den Jahrs im Gespräch. Eine engere Zusammenarbeit mit anderen Konzernteilen wie der RTL Group oder unserer Buchverlagsgruppe Random House wäre einfacher, wenn der Verlag zu 100 Prozent Bertelsmann gehörte. Mit der gewissen Eigenständigkeit muss es vorbei sein. Genau das war der Grund dafür, dass die Digitalisierung der G+J-Medien völlig verschlafen wurde. Solange die Jahr-Familie eine Sperrminorität besitzt, können wir G+ J nicht nach unseren Vorstellungen umbauen bezw. in Teilen oder ganz verkaufen. Da bis auf Stern TV (RTL) alle bisherigen Versuche gescheitert sind, Magazine auch als Fernsehformat zu etablieren, sollte RTL hier mehr Einfluss bekommen. Das meine ich mit Medienkonvergenz. 

FAZ: Viele Gruner-Mitarbeiter fürchten, dass es dann zu einem Arbeitsplatzabbau kommen könnte. Was sagen Sie dazu?

Rabe: Gruner + Jahr steht vor Herausforderungen, die der neue Vorstand des Unternehmens adressieren wird - auch, um die Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Das gilt völlig unabhängig von der Anteilseignerstruktur. Arbeitsplätze baut man nicht ohne ein strategisches Konzept ab. Das fehlt leider bisher. Da muss G+J mit dem neuen Vorstand seine Hausaufgaben nacharbeiten. Wir wollen ja wachsen und nicht schrumpfen. Es liegt am G+J Vorstand, welchen Weg er gehen will. 
FAZ: Nach einer vollständigen Übernahme könnten Sie G+J auch einfacher weiterverkaufen oder filetieren...

Rabe: Die Motivation für eine mögliche Aufstockung der Anteile ist nicht, den Verlag zu verkaufen. Wir wollen Gruner + Jahr behalten. Ich sage nicht, wir werden Gruner + Jahr behalten. Es wäre dumm von mir, einen Verkauf völlig auszuschließen, denn wir brauchen Eigenkapital für unser Wachstum, und wenn jemand einen guten Preis für das Ganze oder für Teile bietet, die nicht in unser neues strategisches Konzept passen, dann werden wir uns alle Optionen offen halten. 

Ich erinnere an ein Interview, das Bernd Buchholz vor einem Jahr dem Handelsblatt gegeben hat:

Frage: Warum hat es bei Gruner + Jahr nie richtig geklappt, innovative Onlinefirmen wenigstens zu kaufen, um davon zu profitieren?

Buchholz: Stimmt, auch wir haben Dinge ausprobiert und uns schlussendlich gegen Venturing entschieden. Ich bin an dieser Stelle konservativ: Wir konzentrieren uns mit Blick in die Zukunft auf unsere ureigenen Kernkompetenzen und nicht auf irgendwelche Versuche, unser Geschäft nach dem Motto "Hauptsache digital" durch Zukäufe auszuweiten..



Mittwoch, 12. September 2012

Gastkommentar zur Schuldenkrise

Der folgende  Exklusiv-Beitrag für diesen Blog stammt von Reinhard Panse, Geschäftsführer  und Chefanlagestratege im Family Office HQ Trust, das zur Harald Quandt Familie gehört.

Gegen Denkverbote in der Schuldenkrise
Von Reinhard Panse

"Selten war die Frage nach der richtigen Anlage eines Vermögens schwerer zu beantworten als heute. Konnte man sich bis zum Ausbruch der Krise 2007 noch auf die mehr oder weniger erfolgreiche Analyse von Zahlen zur Konjunktur, zu Zins- und Wechselkursentwicklungen, zu Bewertungen von Aktien, Renten oder Immobilien stützen, so fragt sich der institutionelle Anleger heute nur noch, wie und wann die Politiker die Schuldenkrise in Europa endlich lösen. Kanzlerin Merkel hat kurz nach der Lehman-Pleite alle Spareinlagen garantiert. Genau das, was der deutsche Sparer damals zum Schutz seiner Sparguthaben begrüßt, lehnt er in Bezug auf Staaten der Eurozone ab, nämlich den Schutz vor einer zerstörerischen Panik an den Finanzmärkten.

Im Zentrum der politischen Diskussion steht die Frage, ob die Europäische Zentralbank Staatsanleihen mit frisch gedrucktem Geld kaufen soll oder nicht. Diese Frage ist jetzt durch die Entscheidung der EZB beantwortet.

Und ich halte diese Entscheidung für richtig.

Der zentrale Fehler bei der Einführung des Euro war, Staatsanleihen risikolos zu stellen, obwohl man – anders als in den USA, England oder Japan keinen direkten Zugriff auf die Notenpresse hatte. Genau das wollten insbesondere die Deutschen ja auch verhindern. Die Folge war jedoch, dass Banken und Versicherungen ohne entsprechendes Eigenkapital und auch getrieben von gesetzlichen Auflagen Staatsanleihen in beliebiger Menge kaufen konnten. Weil Anleihen eben doch nicht risikolos sind, sind die Finanzinstitute und letztlich die gesamte Eurozone massiv in Schwierigkeiten geraten.

Wie kann man dieses Problem lösen? Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei, dem Beispiel der USA, Großbritanniens und Japan zu folgen und auch in der Eurozone mit frisch gedrucktem Geld Staatsanleihen in Verbindung mit sinnvollen Reformvorschlägen unbegrenzt aufzukaufen, bis die Krise vorüber ist.

Die Staatsanleihekäufe der Zentralbanken haben in den genannten Ländern die Kurse der Staatsanleihen stark steigen lassen, was die Bilanzen der Banken weiter stabilisiert hat und die Schuldenlast für die Regierungen billiger macht. Da man auch künftig – falls nötig – in diesen Ländern mit massiven Staatsanleihekäufen der Zentralbanken rechnen kann, besteht praktisch kein Ausfallrisiko.

Diese Vorgehensweise – neudeutsch Financial Repression genannt – half den USA und Großbritannien schon während und nach dem 2. Weltkrieg, den Schuldenberg von 120% bzw. 240% des damaligen Volkseinkommens im Jahre 1945 innerhalb von nur 10 Jahren fast zu halbieren. Ein künstlich tief gehaltener Zins bei einer durch moderate Inflation wachsenden Volkswirtschaft erleichtert erheblich eine schnelle Entschuldung.

Allerdings zu Lasten der Sparer: Diese müssen mit Zinseinnahmen unterhalb der Inflationsrate moderate Kaufkraftverluste hinnehmen.

In der Eurozone herrscht für diesen Lösungsansatz, ausgehend von der deutschen Politik und der Deutschen Bundesbank, striktes Denkverbot. Auch andere in diese Richtung gehende Lösungsansätze, wie z.B. Eurobonds, werden massiv tabuisiert.

1.) Man beruft sich auf die Maastricht-Kriterien. Doch deren Verschuldungsgrenzen sind statisch und beruhen auf keiner wirtschaftlichen Grundlage, sie waren ein rein politischer Konsens. Tatsächlich errechnet sich die tragfähige Schuldenquote und damit die Kreditvergabe jedes Kreditnehmers aus dem Schuldenstand, der Einkommenshöhe, der Sparquote, dem Einkommenswachstum und dem Zinsniveau sowie den verfügbaren Sicherheiten. Bei steigender Verschuldung verschärft der Kreditgeber die Bedingungen, bis er am Schluss keine Kredite mehr gibt. So wird Überschuldung verhindert. Erklärt sich jedoch ein Land per Gesetz als risikoloser Schuldner, ist die Überschuldung über kurz oder lang zu erwarten. Das kann lange gut gehen, wenn der Staat Zugriff auf die Notenbank besitzt und unbegrenzt neues Geld drucken kann. Die Europäer haben diesen Zugriff nicht.
2.) Weiterhin wird auf die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit der Peripherie-Länder hingewiesen. Das Problem sei, dass diese Länder ihre Währung nicht mehr abwerten könnten. Die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit ist jedoch nicht durch den Euro entstanden und damit durch die Auflösung der Eurozone zu bereinigen. Währungsabwertungen, die nach landläufiger Meinung die Wettbewerbsfähigkeit in den Peripheriestaaten schnell wiederherstellen könnten, würden diesen Regionen allenfalls kurzfristig helfen. Langfristige Statistiken zeigen, dass Länder, deren Wechselkurs über die letzten 5 Jahrzehnte immer weiter anstieg, gleichzeitig langfristig die höchsten und stabilsten Handelsbilanzüberschüsse aufweisen, (z.B. Deutschland, Benelux, die Schweiz und Japan) und umgekehrt. Starke Unternehmen mit gut ausgebildeten Mitarbeitern sind nötig, für deren Entstehung der Wechselkurs bestimmt nicht die entscheidende Komponente ist. Weil die Einzelstaaten der Eurozone die EZB nicht zum Gelddrucken zwingen können, sind sie praktisch in einer Fremdwährung verschuldet, die sie, anders als USA, UK, Japan oder die Schweiz, nicht selbst herstellen können.
3.) Die Deutsche Bundesbank lehnt die Staatsfinanzierung über die EZB strikt ab, weil sie dadurch eine massive Inflation befürchtet. Auch das ist nicht haltbar. Es ist zwar zutreffend, dass in und nach den beiden Weltkriegen die Reichsbank massiv Geld gedruckt hat, um das Deutsche Reich zahlungsfähig zu halten. Allerdings sind die Rahmenbedingungen (kaum Warenangebot wegen unbrauchbarer oder zerstörter Produktionsanlagen, unterbrochener Welthandel, daher und wegen fehlender Devisen keine Wareneinfuhr als Ersatz, gleichzeitig stark steigende Geldmenge), die bis 1923 zur Hyperinflation und bis 1948 zur Währungsreform geführt hatten, nicht im Geringsten mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage vergleichbar. Heutzutage sind die (in weiten Teilen der Eurozone fallenden) Lohnstückkosten wichtigster Einflussfaktor auf die Inflation. Die Inflationsrisiken würden jedoch dann zunehmen, wenn sich die Bundesbanker durchsetzten, den Peripheriestaaten jede Hilfe in Form von Staatsanleihekäufen der EZB oder des ESM oder andere zinssenkende Hilfen zu verweigern. Dann brächen nicht nur die dortigen Staatsfinanzen, sondern auch zahlreiche Unternehmen zusammen; eine rekordhohe Arbeitslosigkeit würde eine in Panik geratende EZB zu massivem Gelddrucken treiben. In einem Umfeld explodierender Importpreise (wegen schwachem Euro-Wechselkurs), wegbrechendem heimischen Warenangebot, hochschnellender Geldmenge und wachsendem Protektionismus, könnte sich die Inflation erst richtig entfalten. Auch die Amerikaner wählten bis 1933 einen Weg, der auf Gelddrucken oder Abwertungen verzichtete und der bis heute als größte ökonomische Katastrophe der USA seit ihrer Staatsgründung gilt. Jeder andere Lösungsweg wäre wirtschaftlich weniger schädlich gewesen. Der politische Schaden, den die Haltung der Deutschen Bundesbank auslösen könnte, wäre ebenfalls immens; Deutschland wäre der Schuldige, der den Zusammenbruch der Eurozone ausgelöst hat.
4.) Bleibt noch das Argument, man könne eine durch zu hohe Schulden entstandene Krise nicht mit noch mehr neuen Schulden erfolgreich bekämpfen. Dies ist zunächst zutreffend. Aber wenn man Schulden mit sehr hohen Zinsen durch Schulden mit sehr niedrigen Zinsen ersetzt, kann der Schuldner beginnen, Tilgungen vorzunehmen. Genau darauf zielen die wichtigsten Lösungsvorschläge, die insbesondere von der Deutschen Bundesbank so vehement bekämpft werden, ab.
Fazit: Mit frisch gedrucktem Geld notleidende Staatsanleihen zu kaufen, ist weitaus weniger gefährlich als ein Zusammenbruch der Eurozone und damit der Weg, den die Politik letztlich mit großer Wahrscheinlichkeit einschlagen wird. Ohne derartige Maßnahmen ist die Schuldenkrise nur durch eine große Welle von Staatspleiten und Konkursen im Privatsektor lösbar, was mit einer drastischen Senkung des Volkseinkommens einhergeht – auch in Deutschland. Für den Kapitalanleger bedeutet dies, dass die von vielen bevorzugten „sicheren“ Anlagen (Bundesanleihen, Spareinlagen, Termingelder) nicht nur weniger sicher als früher, sondern auch in historisch beispielloser Weise renditeschwach sind. Der deutsche Anleger wird sich mit den ungeliebten Aktien beschäftigen und deren kurzfristig manchmal heftigen Kursschwankungen ertragen müssen. Der Lohn besteht in einer extrem hohen Wahrscheinlichkeit, nach Ablauf von 10 Jahren ca. 5 – 10% jährliche Überrendite im Vergleich zu Bundesanleihen zu erwirtschaften. Bundesanleihen stellen angesichts der auch in Deutschland sehr hohen Staatsverschuldung keinen Schutz gegen eine Deflation dar, die nach einem Zusammenbruch der Eurozone wegen unterlassener Hilfeleistung das wahrscheinlichste Szenario darstellt. Gold und Immobilien, die bei hoher Qualität in Deutschland schon sehr teuer geworden sind und in großen Krisen gern von den Politikern massiv belastet werden, können beigemischt werden, sind aber keinesfalls als alleiniger Krisenschutz ausreichend."