Samstag, 12. November 2011

Capital - ein Rückblick


Vor einigen Tagen entdeckte ich in Horizont die folgende Tabelle. Mir fiel auf, dass mein früheres Magazin CAPITAL nicht mehr zu den "wichtigsten Medien" für Entscheider gehört, die sich über Wirtschaft und Unternehmen informieren wollen.


WICHTIGSTE MEDIEN FÜR ENTSCHEIDER BEI WIRTSCHAFTSFRAGEN

Welche Zeitung, Zeitschrift, Sendung oder Internetseite nutzen Sie am häufigsten, wenn Sie sich über Wirtschaft und Unternehmen informieren wollen?


29,40%21%15,90%15,50%13,90%11,10%10,70%7,90%7,10%4%HandelsblattFAZSpiegel OnlineFTDWirtschaftswocheSüddeutsche ZeitungSpiegelTagesschauFocusTagesthemen






















(Umfrage der Uni Hohenheim im Auftrag der Ing/Diba - veröffentlicht in Horizont stats 2011)

Offensichtlich ist Capital nicht mehr wichtig. Eine traurige Bilanz.
Ziemlich genau vor zehn Jahren endete meine Zeit als Chefredakteur dieses Wirtschaftsmagazins. Es waren die "glücklichsten Jahre für Capital" schrieb mir 1996 Johannes Gross zum Geburtstag. Ich führte das Magazin von 1991 bis 2001. Glückliche Jahre für mich, und auch für den Verlag Gruner & Jahr, denn wir verdienten eine Menge Geld mit dem Magazin und überholten sogar  zeitweise die Gewinne des "Stern". 2000 erwirtschaftete das Magazin mehr als es heute an Umsatz generiert. Die jährlichen Renditen erreichten bis zu 40 Prozent, das Anzeigengeschäft brummte mit den Hunderten von Börsen-Neueinführungen.
Nach der Umstellung auf 14tägliches Erscheinen, für das mir der Bertelsmann Konzern den Titel "Unternehmer des Jahres" verlieh, erreichte Capital im März 2001 kurz vor meinem Ausscheiden seine Höchstauflage mit 330 000 Gesamtverkauf, davon 130 000 am Kiosk. Kurze Zeit später ging es bergab. Im dritten Quartal 2011 verkaufte Capital als Monatsmagazin nur noch 164 600 Hefte insgesamt (davon über 39 000 im Lesezirkel!), nur noch  12.400 am Kiosk.
Ich bin mir sicher, dass Capital auch dann stark an Auflage verloren hätte, wenn ich das Blatt weiter geführt hätte. Denn der Börsencrash 2001 mit seinen furchtbaren Kursverlusten und die Konkurrenz des Internet haben der Wirtschaftspresse im Ganzen schlimm zugesetzt. Aber ein Teil des Niederganges war auch hausgemacht: Die mir nachfolgenden Chefredakteure Funk, Stepp, Schweinsberg und Klusmann experimentierten mit dem Magazin ständig mit immer neuen Layouts herum ohne die Seele dieses ersten großen Wirtschaftsmagazins jemals zu verstehen, das durch Johannes Groß und seinen publizistischen Ruf groß geworden war. Dass Capital jemals Verluste machen würde war zu meinen Zeiten unvorstellbar.

Heute erlebe ich Capital als schnittiges Magazin ohne eigene Identität. Es ist genauso gut gemacht wie das Kundenmagazin der Lufthansa, das Gruner&Jahr ebenfalls produziert. Es wird seit dem Umzug von Köln nach Hamburg von einer Redaktion bestückt, die zugleich die FTD, Börse Online und Impulse bedient. Auf den Visitenkarten der Redakteure stehen die Logos aller vier Blätter,die Redakteure betonen bei ihren Recherchen stets, sie wüssten nicht, wo der Artikel erscheinen soll. Besonders die Geldanlagenteile der Blätter sind praktisch austauschbar. Die Vermögensberatung war einst der Markenkern von Capital.

Keine Frage: Man weiß in Hamburg wie man professionell Magazine macht, es hat fast industriellen Charakter. Die Wirtschaftspresse aber war im Hause von Stern, Brigitte und GEO nie richtig anerkannt. Man hat sie auch in eine eigene Firma deplatziert, damit sie im Verlag nicht zu großen Schaden anrichtet. Einen Vorteil hat  diese Konstruktion: Irgendwann kann man den Laden in einem Stück verkaufen. Der Tag, da bin ich mir sicher, wird kommen.

An anderer Stelle hatte ich schon einmal darauf hingewiesen, dass die Dominanz der nach wie vor völlig defizitären FTD dazu geführt hat, dass die Internet-Portale der Magazine Capital, Impulse und selbst Börse Online meilenweit von den Besucherzahlen vieler Finanzportale entfernt sind. Bei einem Magazin wie Börse Online könnte man sich die Druckkosten komplett sparen und statt dessen das Finanzportal ausbauen. Impulse könnte man als reine Abonnentenzeitschrift reanimieren.
Aber bei Capital müßte man die gesamte Redaktion wieder aus dem FTD-Wirtschaftspresse-Brei herausschneiden und ihr das verloren gegangene Selbstwertgefühl zurück geben. Ich bin sicher, man könnte an die große Vergangenheit anknüpfen.

1 Kommentar:

  1. Interessanter Beitrag. Persönlicher Eindruck: Ich schaue mir die CAPITAL gerne an. Und manchmal lese ich sie auch. Zwar in dieser Reihenfolge, aber immerhin. Das ist mehr als ich von anderen Wirtschaftsmagazinen sagen kann.
    Raatschen, Düsseldorf

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