Donnerstag, 22. Dezember 2011

Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr ...

... wünsche ich allen, die gelegentlich diesen Blog lesen. Ich bin wirklich gespannt, was das neue Jahr bringt. Trotzdem werde ich jetzt erst einmal die Feiertage genießen und hoffe, Sie können das auch.
Ihr
Ralf-Dieter Brunowsky und hier mein Weihnachtsvideo:
Frohe Weihnachten mit Micky Mouse

Dienstag, 20. Dezember 2011

Gastautor Heiner Flassbeck über die deutsche Ignoranz in der Eurokrise

Heute habe ich mit meinem alten Freund Heiner Flassbeck telefoniert. Er wundert sich, dass die gesamte angelsächsische Presse seine Warnung vor eine Depression publiziert, während deutsche Wirtschaftsjournalisten - wohl denkend er wäre ein "Linker" in dieser Beziehung eine Ladehemmung zu haben scheinen. Deshalb im folgenden einige m.E. spannende Aussagen des international hoch angesehenen Ökonomen. Weiter unten gebe ich die Stichworte aus seinem Vortragsmanuskript wieder, die Form bitte ich zu entschuldigen...

Am deutschen Wesen...

von

Heiner Flassbeck

Wenn jemand eine Entscheidung trifft, sollte er auch dafür einstehen.
Kompetenz und Haftung, sagte man in den guten alten Zeiten, gehören
zusammen. Das ist heute nicht mehr so, jedenfalls nicht überall und
insbesondere nicht in Europa. So fragt man sich beispielsweise, wer alles
zurücktritt, wenn ein europäischer Gipfel im Dezember 2011 erklärt, die
monatelange Diskussion um einen „Schuldenschnitt“ für Griechenland sei
falsch gewesen, weil man damit die Märkte verunsichert habe.

An der gesamten Euromisere ist ebenfalls eigentlich niemand schuld - oder?
Zum zehnjährigen Jubiläum der physischen Euroeinführung des Euro scheint
es mir angemessen, einige der Dauerfalschmacher einmal beim Namen zu
nennen, weil sonst die gemeinsame europäische Währung untergeht und wir
wissen immer noch nicht, warum.

Das Drama begann schon in den 90er Jahren damit, dass man eine neue
Währung und eine europäische Zentralbank auf den Weg brachte, ohne auch
nur einmal ernsthaft darüber zu reden, welche Art von Geldpolitik diese
Zentralbank machen sollte. Wer wäre schon auf den seltsamen Gedanken
gekommen, eine große geschlossene Volkswirtschaft wie die Eurozone brauche
vielleicht eine andere Geldpolitik als eine relativ kleine offene
Volkswirtschaft wie Deutschland? Nein, was gut für Deutschland war musste
auch gut für Europa sein und die guten Volkswirte, die Deutschland in den
Vorstand der Europäischen Zentralbank (EZB) entsandte, sorgten dafür, dass
das ordnungsgemäß umgesetzt wurde.

Dass dabei enorme Fehler gemacht wurden, hat in Deutschland fast niemand
registriert. Die EZB hat gleich zweimal in den letzten drei Jahren zur
Unzeit, nämlich kurz vor einem Abschwung, die Zinsen erhöht und dann diese
Entscheidungen rasch wieder kassiert. Das zeugt von hoher
Entscheidungsinkompetenz und sollte eigentlich Haftung nach sich ziehen,
aber davon ist nirgendwo die Rede und keiner ist deswegen zurückgetreten.

Ein wichtiger Fehler war auch, dass man den Monetarismus, den Deutschland
nach dem Ende der beiden keynesianisch geprägten Nachkriegsdekaden Anfang
der 70er Jahre übernommen hatte, wegen des deutschen Einflusses selbst im
neuen Jahrtausend als europäische Errungenschaft weiterleben liess. Dass
er dem  deutschen Wirtschaftswunder den Garaus gemacht hatte und
international nach nur einem nur kurzen Gastspiel längst ad acta gelegt
war, scherte die deutschen Geldmengensoldaten namens Tietmeyer, Issing,
Weber und Stark freilich nicht bei ihrer Verteidigung der Unabhängigkeit
der Zentralbank als höchstes aller Güter.

Schließlich, und das war das Schlimmste, wurde die deutsche Vorstellung
von Arbeitsmarktflexibilität und vom Kampf der Nationen um internationale
Marktanteile auf die Verhältnisse innerhalb der Währungsunion und im
Verhältnis der Währungsunion zum Rest der Welt eins zu eins übertragen.
Dass man Länder, die keine eigene Währung mehr haben und mit denen man
gemeinsam ein Inflationsziel festgelegt hat, nicht einfach durch
Unterschreiten des Inflationszieles an die Wand spielen kann, ohne
schwerwiegende Verletzungen zu riskieren, wen kümmerte das schon? Auch die
Tatsache, dass eine riesige Wirtschaftsregion wie die Eurozone gegenüber
dem Rest der Welt einfach zu wenige Gegner in der gleiche Gewichtsklasse
hat, um mit einem Kampf der Nationen auf Dauer erfolgreich sein zu können,
war des Nachdenkens offenbar nicht wert.

Auch die mit dem Standortwettbewerb eng verbundene Frage, ob ein Land mit
offenen Grenzen in einer Währungsunion ohne schwerwiegende Folgen für die
anderen eine Politik machen kann, bei der die eigene Bevölkerung
einschließlich der Unternehmen und des Staates zum Sparen angeregt wird,
hat keinen deutschen Finanzminister nach dem 11. März 1999 auch nur am
Rande bewegt. Denn die einfache Frage, wer die deutschen Ersparnisse von
der Bank abholen und investieren sollte, wenn im Inland alle sparen, haben
sie sich ja erst gar nicht gestellt.
Jetzt, wo die gesamte Eurogemeinschaft mit dem Rücken zur Wand steht,
rächt sich die deutsche Ignoranz. Aber nun verschreibt man einfach der
gesamten EWU das deutsche Wesen und schon ist scheinbar alles in Ordnung.
So musste der Italiener Draghi Anfang Dezember verkünden, alle müssten
jetzt sparen und alle müssten über die Flexibilisierung ihrer
Arbeitsmärkte „ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern“.

Anzunehmen, dass das so einfach wäre nach einem Jahr, in dem in den G 20,
also der wirklich großen Gruppe der wichtigsten Länder, fast nichts
anderes diskutiert wurde als die globalen Ungleichgewichte, ist ein
schlechter Witz. Bei dieser Diskussion in den G 20 saß nämlich Deutschland
mit China zusammen die ganze Zeit schon auf der Anklagebank, weil niemand
sonst auf der Welt weiterhin hohe Defizite im Außenhandel hinnehmen will.
Wie ein Mensch, der halbwegs bei Sinnen ist, zu dem Ergebnis kommen kann,
das, was Deutschland zehn Jahre lang getan hat, könnten nun getrost auch
die anderen in der Eurozone tun, ohne weltweit auf massiven Widerstand zu
stoßen, muss ein Rätsel bleiben.

Zudem fordert der Präsident der EZB zu einem glatten Verstoß gegen seinen
ureigensten Auftrag, die Preisstabilität in Europa zu gewährleisten, auf.
Hier sieht man, dass auch er an schwerem Monetarismus leidet. Es gibt
genau einen stabilen empirischen Zusammenhang, der die Inflationsrate in
Europa sehr gut erklärt, der hat aber nichts mit Geld zu tun. Nur die
Lohnstückkosten, also der Abstand zwischen Nominallohnsteigerung und
Produktivität kann die Inflation befriedigend erklären. Wer aber alle
auffordert, Deutschland in seiner Politik der weit unter dem
Inflationsziel liegenden Lohnstückkostensteigerungen zu folgen, nimmt
sehenden Auges eine Deflation in Kauf und damit einen Verstoß gegen das
Inflationsziel von etwa zwei Prozent, das die EZB vor zehn Jahren selbst
beschlossen hat.

Rezession und Deflation, also verlorene Jahrzehnte nach japanischem
Vorbild, ist das, was Europa nach den „historischen Beschlüssen“ von
Anfang Dezember zu erwarten hat.Wer glaubt, das sei ohne gewaltige
politische Verwerfungen und ohne eine Gefährdung der Demokratie in vielen
Ländern durchzuhalten, ist ein Illusionist.

SO WÜRDE FLASSBECK DEN EURO RETTEN 
(Stichworte aus seinem Vortragsmanuskript)
Erfolgreiche Therapie durch korrekte Diagnose1
(von Friederike Spiecker und Heiner Flassbeck)

• Krisenphänomen hohe Zinsen
• Krisenursache Staatsschulden?
• Hohe Staatsschulden –> hohe Zinssätze?
• Die Euro-Krise ist keine Staatsschuldenkrise
  Wären die Staatsschulden tatsächlich die Ursache für die prohibitiv hohen Zinsen in den Euro-Krisenländern,
• dann müsste Japan mit seinen über 200% Staatsschuldenquote längst pleite sein,
• dann dürfte Spanien mit unter 70% Staatsschulden-quote nicht höhere Zinssätze zahlen als Deutschland mit über 80%,
• dann müssten die USA ungefähr so hohe Zinssätze haben wie Portugal, weil die Staatsschuldenquote in beiden Ländern ca. 100% beträgt,
• dann müssten die Zinsen seit 2008 wegen deutlich zunehmender Staatsschulden in Japan, USA, Deutschland und weiteren Ländern deutlich steigen.
Die Eurokrise ist eine Auslandsschuldenkrise
• Das bedeutet, dass ein Land wegen hoher Auslandsschulden sehr bzw. prohibitiv hohe Zinsen für seine Kredite zahlen muss.
• Hohe Auslandsschulden entstehen durch andauernde u. hohe Defizite im Außenhandel.
• Hohen Defiziten der einen Länder stehen zwangsläufig hohe Überschüsse der anderen gegenüber.
• Handel außer Rand und Band Heutige Ungleichgewichte extrem
• Wie entstehen Handelsungleichgewichte? 
• Defizite im Außenhandel beruhen auf mangelnder, Überschüsse auf hoher internationaler Wettbewerbsfähigkeit.
• Wettbewerbsfähigkeit ist eine Frage des Preises: Wer preiswert anbietet, gewinnt.
• Das Preisniveau eines ganzen Landes im Vergleich zu dem anderer Länder hängt von seinem Kapitalstock, seinem Lohnniveau und seinem Wechselkurs ab.
• Wie entstehen Handelsungleichgewichte? 
• Der gesamtwirtschaftliche Kapitalstock bestimmt die gesamtwirtschaftliche Produktivität.
• Produktivität und Löhne bestimmen die Lohnstückkosten.
-> Das Preisniveau eines Landes verändert sich ungefähr parallel zu den gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten.
• Löhne und Preise hängen gesamtwirtschaftlich zusammen
• Manche EWU-Länder liegen über, manche unter dem vereinbarten Inflationsziel von 2%
• Manche EWU-Länder liegen über, manche unter dem vereinbarten Inflationsziel von 2%
• Inflationsunterschiede beruhen auf Lohnstückkosten-Divergenz
• Inflationsunterschiede gab es auch früher und sogar wesentlich größere...
•... aber es gab auch das Wechselkursventil
• Entscheidende Voraussetzung für die Stabilität einer Währungsunion
In einer Währungsunion darf es zu
keinen Abweichungen
vom vereinbarten Inflationsziel
kommen,
und zwar weder nach oben noch nach unten,
weil kein Wechselkursventil da ist zum Ausgleichen
der so entstehenden Wettbewerbsdifferenzen
und der sich daraus ergebenden Handelsungleichgewichte.


1.) Warum ist der Euro in der Krise? 

Deutschland hat gegen das 2%-Inflationsziel der EZB seit 1999 massiv verstoßen:
• heutiges deutsches Preisniveau mehr als 

17 %-Punkte unter EZB-Zielvorgabe
  dank Lohndumping (Stichwort „Produktivität für Beschäftigung reservieren“)
• der lohnpolitische Spielraum = Produktivitätszuwachs + Zielinflationsrate

hätte ausgeschöpft werden müssen
-> statt dessen riesige Handelsüberschüsse =  riesiger Vermögensaufbau im Ausland
2.) Warum ist der Euro in der Krise?
Andere Staaten haben in die entgegen gesetzte Richtung gegen das 2%-Inflationsziel verstoßen, aber weniger gravierend, z.B.
  Südeuropa: 7 Prozentpunkte über EZB-Zielvorgabe
-> riesige Handelsdefizite
=  riesige Auslandsschulden
-> Vertrauensverlust an den Kapitalmärkten
-> prohibitiv hohe Zinsen
Was tun? 


Lücke der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den EWU-Staaten schließen, d.h.gesamtwirtschaftliche Lohnstückkosten-Niveaus wieder einander angleichen.
Der falsche Weg dorthin: Lohnkürzungen in den Krisenstaaten, weiter Bescheidenheit in Gläubigerstaaten?
das führt zu europaweiter Deflation -> Depression, das Schuldenproblem bleibt ungelöst
Und Hilfe (=Nachfrage) aus dem außereuropäischen Ausland (= weitere Verschuldung z.B. der USA)?
-> Währungskrieg mit US-$, Yen, Renminbi -> weltweite Katastrophe
Was tun? 
• Die Lücke der Wettbewerbsfähigkeit auf
nicht-deflationärem Weg
schließen, d.h.
• Deutschland muss das 2%-Inflationsziel nicht nur einhalten,
• sondern ungefähr 10 Jahre überschreiten (3%), damit sich die Krisenländer anpassen können.
• Die Krisenländer dürfen dagegen nur 1% Preissteigerung zulassen
• Das geht nur durch eine EWU-weit koordinierte Lohnpolitik.
• Euro-Rettung durch Lohnkoordination

Euro-Zerstörung durch Gürtel-enger-schnallen!

Fahrplan für die Krisenbewältigung I
• glaubwürdige Ankündigung der EWU-weiten Lohnkoordination und sofortiger Beginn der Umsetzung
• rigorose Schließung des Finanzkasinos (lean banking, 100%-Eigenkapital für Finanzwetten...)
• Beendigung des „Schwarze-Peter-Spiels“ zwischen Regierungen und EZB in der Frage der Finanzierung der Krisenstaaten
Fahrplan für die Krisenbewältigung II
• Finanzierung der Krisenstaaten z.B. mit Eurobonds oder Staatsanleihekäufen
• Beendigung des „Standortwettbewerbs“ zwischen Nationen
• Beendigung der Austeritätsprogramme
• Staat muss die Verteilungsaufgabe der Lohnpolitik unterstützen
• Es bleibt nur noch wenig Zeit


 „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los!“

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Ein ehemaliger FDP-Landesvorsitzender über die Probleme der Partei


Nach dem Rücktritt von Lindner: Was ist eigentlich das Problem der FDP?
Die strukturellen Probleme der Partei haben sich in Westerwelles und Röslers Amtszeit als Bundesvorsitzende der Liberalen offenbar nicht wirklich geändert. Im Februar 2005 schrieb der ehemalige Landesvorsitzende der bayerischen FDP(1998-2000), Hermann Stützer, der 2002 aus der FDP ausgetreten war, im Rahmen einer Rezension des Buches  "Skandal FDP":

Es ist viel Positives über Fritz Goergens' Buch geschrieben worden. Ich schließe mich an mit einigen Bemerkungen aus der Sicht des ehem. "Insiders" auf schwierigem bayerischem Terrain.Zunächst ist für mich auffällig das disziplinierte Bemühen des Autors um eine schwierige Distanz zu den Dingen. Mein Kompliment, das war nicht selbstverständlich und es ist gelungen.
An Kritiker die Frage: wer soll eigentlich eine innere Situationsanalyse von Parteien besser machen als Frontmenschen derselben?
Herauszustellen aus meiner Sicht wäre allerdings auch ein Hinweis auf die völlige Unfähigkeit der Bundes-FDP, die Verbindung mit ihrer eigenen Basis herzustellen und der Basis, die Partei in der Nähe des Volkes irgendwann auch einmal wirklich zu verankern. Das erst machte sie letztendlich zu einer Partei für das Volk. Menschen, die an leitender Stelle schon erfolgreich begonnen hatten, diesen Weg nachhaltig zu beschreiten, wurden brutal hinweggemobbt. Keinerlei Reaktion des Bundesvorstands.
Inzwischen fehlt es mehr und mehr an den inneren Voraussetzungen für eine erfolgreiche Positionierung nach aussen. Die FDP stellt in einst wichtigen Bereichen ihrer noch wahr zu nehmenden Existenz intern das Gegenteil dar von dem, was nicht nur ihr stets hemmungslos überschätzter, fischäugiger Vorsitzender nach aussen stereotyp politisch forderte und persönlich vertrat: Sie ist überbürokratisiert, im Umgang mit sich selbst regulistisch und sie ist alles andere als eine Rechtspartei im Innern, denn sie beugt ihre eigene Satzung und arbeitet mit totalitären Mitteln. Und, was noch schwerer drückt: eine programmatische Entwicklung wird oftmals geradezu taktisch behindert. Dies ist entlarvend deshalb, weil der Grund dafür jene Parteimitglieder sind, die, zu programmatisch-Beachtenswertem selbst nicht fähig, nur eine jeweils fassadene Schein- Bedeutsamkeit auf irgend einem erreichten Parteitreppchen sichern wollen. Das können sie dann in Konsequenz nur durch möglichst perfekte Beherrschung des einzigen Mittels, das mangels Potenz noch übrig bleibt: der Kunst der parteiinternen Intrige. Sie beherrscht die FDP. Diese Dinge sind draussen spürbar, immer öfter auch brutal sichtbar. Ein Indiz für den erreichten Zustand der Partei ist der Umstand, dass sie von den konkurrierenden Parteien gar nicht mehr angegriffen wird. Sie ist kein Gegner mehr.
Das Ergebnis solch interner Zustände ist z.B. Bodensatz. Darunter zu verstehen sind Leute, die die Partei niemals verlassen würden, die aber selbst kaum mehr zu bieten haben als die Pflege irgend einer Seilschaft. Ihre überaus große Vielzahl und faktische Bedeutsamkeit lähmt die Partei und macht sie in ihren Gliederungen oft unführbar. Und sie vertreibt wertvolle Mitglieder.
Ein zugegeben etwas kindisch-utopischer, nichtsdestoweniger erhellender Gedanke beschriebe die Wüstenei des politischen Liberalismus 2005 in Gestalt der FDP ganz gut: ... Aus allen jenen liberal gesinnten Menschen, die diese Partei schon einmal frustriert verlassen haben, eine Partei zu bilden. Ja, das wär was. Den Rest braucht eigentlich keiner in dieser Republik, das ist schon richtig.

Fritz Goergens Buch erzählt viel davon. Es sollten die Mitglieder aller Parteien lesen und Studierende sollten es studieren. Es muss schmerzhaft gewesen sein es zu schreiben. Es könnte heilsam sein für Mitmenschen, die nicht nur hören, sondern auch zuhören können. Und die bereit sind, so ein Buch einmal völlig unvoreingenommen ernst zu nehmen - vorsorglich wenn's sein muss.
Auch und vor allem in der FDP.

Im Österreichischen Rundfunk gab es einmal eine fünfminütige Mitternachtssendung mit stiller Betrachtung zum Tagesausklang. Sie hiess: "Einfach zum Nachdenken". Fritz Goergen's Buch hat mich seltsam unvermittelt daran erinnert.
Hermann Stützer
Landesvorsitzender FDP in Bayern (1998-2000)
Mitglied im Bundesvorstand (1998-2001)
Ausgetreten im Juli 2002

Dienstag, 13. Dezember 2011

Sieh mal einer an, unser Bundespräsident, aktualisiert

Dass sich ein Ministerpräsident 500 000 Euro für 4% Zinsen von der Frau des "befreundeten" Unternehmers Egon Geerkens leiht, ist schon ein starkes Stück. Den Florida-Urlaub im Haus dieses "Freundes" hatte Wulff vor einiger Zeit im niedersächsischen Parlament zugegeben, den Kredit  hatte er geflissentlich verschwiegen und später durch einen Bank-Kredit vorzeitig  abgelöst, wie die BILD Zeitung jetzt aufdeckte. Laut stern.de war Egon Geerkens dreimal Teilnehmer von Wirtschaftsdelegationen bei Auslandsreisen, die Christian Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident unternahm. Weder bei seinen Vorgängern im Amt des Ministerpräsidenten noch bei seinem Nachfolger David McAllister (CDU) gehörte Geerkens zu derartigen Delegationen.

Von "befreundeten Unternehmern" zu sprechen, ist allein schon eine Chuzpe. Die Freundschaft nehme ich Politikern nur ab, wenn sie Leute aus Zeiten vor ihrer Karriere schon als Freunde hatten. In diesem Fall scheint Wulff tatsächlich schon länger befreundet zu sein, aber warum nimmt er den im Ruhestand befindlichen Geschäftsmann auf drei dienstlichen Auslandsreisen mit? Klar, so eine Scheidung ist teuer, und da sind Freundschaften sehr hilfreich. Wie heißt es so schön: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Für mich ist die Darlehensvergabe an Wulff nichts anderes als Korruption. Und das ausgerechnet mit dem obersten Moralhüter der Nation. Ich glaube Christian Wulff künftig kein Wort mehr.

P.S.Vor wenigen Tagen wurden laut dem Verwaltungswissenschaftler von Arnim die Pensionen aller hohen Beamten erhöht - angeblich bis zu 600 Euro monatlich für einen Staatssekretär.


Samstag, 10. Dezember 2011

Merkels Meisterleistung und Kleinbritannien

Das Gruppenfoto vom Abschluss des Krisengipfels zeigt Angela Merkel mit den anderen 26 Teilnehmern ganz hinten in der dritten Reihe - man sieht gerade mal ihren Kopf.  Ihre Bescheidenheit im Umgang mit den anderen Mitgliedsstaaten ist auch ihr Erfolgsrezept. Dass sie es gemeinsam mit Sarkozy geschafft hat, 25 andere Staaten bis auf Großbritannien für eine gemeinsamen Schuldenbegrenzung zu gewinnen, ist ein gigantischer diplomatischer Erfolg. Wen interessiert da noch die Bockigkeit Großbritanniens? Die Briten wollten den Euro nie, also sollen sie ruhig ihren eigenen Weg gehen. Sicherheitspolitisch sind und bleiben sie unsere Verbündeten in der Nato. Wirtschafts- und finanzpolitisch können sie ihren eigenen Weg ohne den Euro gehen. Aber aus dem Groß- ist jetzt ein Kleinbritannien geworden. Und das ist gut so.

Mittwoch, 30. November 2011

Zahlt hier irgendein Journalist gerne Steuern?

Ich wundere mich, dass die Medien durchweg Steuersenkungen kritisieren. Haushaltskonsolidierung hat Vorrang, und damit ist das Thema gleich beendet.
Wer heute 3000 Euro brutto im Monat verdient , und das ist kein schlechtes Einkommen, behält bei Steuerklasse I nach Abzug von Sozialabgaben und Steuern etwa 1830 Euro netto übrig. Von diesem Geld zahlt er noch Mehrwertsteuer mit jedem Einkauf plus Alkoholsteuer, Benzinsteuer, KFZ-Steuer, Hundesteuer, Versicherungssteuer, und mehr. Gibt der Mann 700 Euro für Miete aus, dann bleiben ihm 1130 Euro für Konsum und Sparen. davon dürften etwa 150 Euro Mehrwertsteuer (was für ein Name...) an den Staat gehen. Wenn er eine Schachtel pro Tag  raucht, gehen 150 Euro in die Luft. Verbleiben 830 Euro für Strom,. Lebensmittel, Handy und Benzin. Dann zahlt er noch Gebühren für jeden Gang zum Amt, beispielsweise für den neuen Personalausweis. Nichts ist kostenlos auf dem Amt - trotz aller bereits bezahlten Steuern. Dann zahlt er für Handy-Benutzung im Auto nochmal 40 Euro. Oder hier und dort immer wieder einen Strafzettel.
Dann kommt die GEZ und kassiert Gebühren fürs öffentlich-rechtliche Verschwendungsfernsehen. Der Staat - Bund-Länder und Kommunen und die ganzen öffentlich-rechtlichen Körperschaften - alle schröpfen sie den Bürger.
Das alles machen Journalisten brav mit und warnen davor, die Steuern zu senken statt Druck zu machen. Warum verlangt man von Griechenland, was man hier selbst nicht hinbekommt? Es gibt unendlich viele Beispiel für Verschwendung von Steuergeldern. Wieso muss die Polizei Stadien schützen? Warum bezahlen das nicht die reichen Bundesliga-Clubs selbst? Warum müssen wir staatliche Lottogesellschaften als goldenes Abstellgleis für Kommunalpolitiker unterhalten? Warum wird der Bergbau immer noch subventioniert? Warum schafft man überflüssige Behörden nicht ab?
 Wenn schon ein Verdiener von 3000 Euro brutto so viel an den Staat abzweigen muss - wo steuern wir eigentlich hin?
Und warum richtet sich die Wut der Bürger nicht gegen die Hunderte von Milliarden zur Rettung von Banken und Staaten, wenn gleichzeitig kein Geld für Schulen und Kindergärten da ist?
Es werden schon rein demografisch  immer weniger, die man schröpfen kann. Irgendwann machen die Bürger nicht mehr mit. In Deutschland sind allerdings keine Revolutionen zu erwarten. Weil, wie Lenin sagte: "In Deutschland sind Revolutionen verboten".

Montag, 28. November 2011

Vermögensverwalter Thomas Grüner als Gastautor über die Eurokrise

Das große Missverständnis!
Von Thomas Grüner - Grüner Fisher Investments - www.gruener-fisher.de

25. November 2011
Die Illusion vom Euro, einer gemeinsamen Währung, die Europa letztendlich einigen, die
unterschiedlichen Volkswirtschaften angleichen und wirtschaftlich zu großer Stärke
verhelfen sollte, löst sich auf. Ist das wirklich überraschend? Die offensichtlichen
Konstruktionsfehler rächen sich jetzt. Dies geschieht zwangsläufig. Will man keinen
unkontrollierten Zusammenbruch der Euro-Zone riskieren, müssen jetzt dringend
notwendige Strukturreformen und Änderungen der europäischen Vertragswerke
angegangen werden. Eine komplette Neuorganisation mit einer Kombination aus EuroBonds und einem Länderfinanzausgleich nach deutschem Vorbild ist zwingend notwendig.
Es bleibt dabei fraglich, ob die europäischen Politiker diese Reformvorhaben tatsächlich in
der gebotenen Eile vollständig umsetzen können und sich dabei des Rückhaltes der
jeweiligen Bevölkerungen sicher sein können. Mehr...

Donnerstag, 24. November 2011

Heiner Flassbeck - ein verkanntes ökonomisches Genie

In den achtziger Jahren spielte ich mit Heiner Flassbeck gelegentlich Tennis in Bonn-Meckenheim. Flassbeck, der später für Oskar Lafontaine als Staatssekretär von sich reden machte, arbeitete damals in der Grundsatzabteilung des Bundeswirtschaftsministeriums in Bonn unter Tietmeyer, der als Leiter der Grundsatzabteilung des Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff dessen Thesen zur Liberalisierung der Wirtschaft verfasst hatte.
Flassbeck, ein Fan von Schumpeter, beindruckte mich durch seine umfassende Theorie des Arbeitsmarktes, in der er nachwies, dass der Arbeitsmarkt kein "normaler Markt" ist und so auch nicht funktioniert. Seine theoretischen Abhandlungen zur Wechselkursthematik waren echt schwerer Stoff. Ich muss zugeben, dass ich Schwierigkeiten hatte als damaliger Korrespondent der Wirtschaftswoche seinem ökonomischen Sachverstand zu folgen. Und ich glaube, das ging auch seinen Vorgesetzten so. 


Heute fand ich über Twitter  in der Schweizer "Tageswoche " (Hier das komplette Interview) einen bemerkenswerten Beitrag von Flassbeck, den ich für sehr lesenswert halte: Auszug:


Bleibt es bei der jetzigen Situation, hat der Euro leider keine Chance mehr. Ich sage leider, weil ich die Währungs­union für eine grosse Errungenschaft hielt. Aber solange sich Deutschland weigert, über das eigentliche Problem zu reden, das aussenwirtschaftliche Ungleichgewicht, solange hat der Euro keine Chance und wird uns um die Ohren fliegen. Statt über die wahren Probleme zu sprechen, fokussiert man sich auf die Schulden der Länder und zwingt sie, in der ­Rezession zu sparen, was niemals gut gehen kann. Alle Länder mit hohen Staatsschulden brauchen Wachstum. Wenn das Kernproblem nicht angegangen wird und die Unsicherheit weiter zunimmt, werden Finanzmärkte kollabieren, weil die Menschen ihr Geld aus­ser Landes schaffen. Müssten in letzter Konsequenz einige Länder aus der Währungsunion aussteigen, vielleicht hintereinander, vielleicht ­zusammen, wäre das eine Katastrophe, ein furchtbarer Prozess, aber in ab­soluter Verzweiflung machen Länder solche Dinge. Sie werden abwerten, ihre Grenzen dicht machen – Freihandel ist kein Natur­gesetz –, und Deutsch­land verliert über Nacht seine so schön eroberten Märkte. Und dann, Gnade Gott Deutschland, dann wird es wirklich bitter. Ein Handelskrieg wäre die Folge, die Arbeitslosigkeit würde massiv steigen. 


UNO-Chefökonom Heiner Flassbeck
UNO-Chefökonom Heiner Flassbeck (Bild: Niels Ackermann)


warum ich gerne twittere

Twittern ist die am meisten unterschätzte Kommunikatiionsform. Ich habe erstmals die Möglichkeiten dieses Networks erlebt, als ich gerade meinen Twitter-Account eingerichtet hatte. Ich schrieb eine Warnung rein, man solle bei Sixt seinen Blackberry nie im Mietwagen vergessen, weil es trotz sofortiger Meldung 17 Tage gedauert hatte, bis  ich mein Smartphone zurück hatte. Die Überraschung: Tag´s darauf meldete sich der Sixt-Service aus England und ich bekam einen Gutschein über 50 Euro!
Inzwischen habe ich weit mehr Nutzen gezogen: Was die Nicht-Twitterer nicht wissen, ist, dass die zentrale Fähigkeit des Twitterns der Hinweis auf interessante Links ist. Viele Journalisten verweisen so auf ihre neuesten Artikel, und zwar national und international: New York Times, New Yorker, Washington Post,  aber auch Journalisten von Zeit, Wirtschaftswoche FAZ, und Süddeutsche. Auch renommierte Ökonomen wie Roubini tun das. 140 Zeichen werden so zu einem täglichen umfassenden Lexikon. Unglaublich,was man da alles lesen und sehen kann.

Montag, 21. November 2011

Immobilien in Amerika

Wir sind derzeit so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass wir die Lage der USA kaum noch wahrnehmen. Man konnte lesen, dass zwischen 42 und 46 Millionen Amerikanern (von insgesamt 310 Millionen Einwohnern, also etwa 15%,  Lebensmittelmarken benötigen. Die offizielle Arbeitslosigkeit liegt bei 9%, andere sprechen von 20%, wenn man Arbeitssuchende mit einbezieht. Die Immobilienpreise sind in den meisten Regionen stark  gesunken. Die Krise der Immobilien ist für ein Land wie die USA essentiell.
Hierzu zwei interessante Charts:
(gefunden in: http://www.rottmeyer.de/das-vorlaufige-ende-der-us-hausbau-baisse/)




Es sieht so aus, als ob sich der Immobilien-Absturz gefangen hat.



Aber wohin geht die Reise wirklich? Finanzinvestor Clemens Vedder ist sehr pessimistisch. Auf einer Veranstaltung des Immopresseclub  äußerte er sich extrem pessimistisch, weil seiner Ansicht nach die Bauqualität in den USA  extrem schlecht ist und deshalb auf lange Zeit keine steigenden Immobilienpreise mehr zu erwarten seien.
Andere meinen, dass der Turnaround erreicht sein könnte und es gerade jetzt interessant sein könnte, US-Immobilien zu kaufen. Wer hat Recht? Ich lese darüber zu wenig in den Medien.

Donnerstag, 17. November 2011

Wie die Bundesbank unsere schwachen Nachbarn finanziert

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der deutschen Bank, hat soeben im ARD-Frühstücksfernsehen darauf hingewiesen, dass unsere Schuldverpflichtungen weit höher sind, als Frau Merkel uns weismachen will.
Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat die deutsche Bundesbank bislang 460 Milliarden Euro für den Ausgleich der Zahlungsbilanzen von Ländern mit Zahlungsbilanzdefiziten an die EZB überwiesen. Die wiederum verleiht dieses Geld an die defizitären Länder, damit diese ihren Importüberschuss bezahlen können. Die 460 Milliarden sind die Summe aller Zahlungsbilanzdefizite von Griechenland, Irland, Spanien und Portugal. Ohne den Euro müssten diese Länder erst einmal ihre Gold- und Währungsreserven einsetzen, und wenn die aufgebraucht wären, würde die Abwertung der Währung das Defizit ausgleichen.
"Es ist so, als ob Sie nebenan in der Kneipe anschreiben lassen. Die Kneipe ist die EZB, die Ihnen Kredite gibt, in der Annahme, dass Sie ihren Kredit irgendwann zurückzahlen können. Das Ganze erfolgt geräuschlos, sozusagen "unter Wasser". Es ist als ob sich hier ein bislang von den Parlamentariern kaum bemerktes Unterwassermonster zu fürchterlicher Größe mästet . Im März 2011 schrieb Hans Werner Sinn in Zeit Online:


"Bis zum März 2011 wurde in den GIPS-Ländern (Griechenland, Irland, Portugal und Spanien) zusammengenommen für 314 Milliarden Euro zusätzliches Zentralbankgeld geschöpft und verliehen, um die Zahlungsbilanzdefizite dieser Länder zu finanzieren, ihnen also den Nettoerwerb von Gütern und Vermögensobjekten in anderen Ländern des Euro-Raums zu ermöglichen. Dieses zusätzliche Geld (die Target-Salden) umfasst derzeit 59 Prozent des gesamten Bestands an kreditgeschöpftem Zentralbankgeld im Euro-Raum oder 90 Prozent desjenigen Teils, der aus den GIPS-Ländern stammt."

Und diese Kreditschöpfung geht zur Neige! Sinn weiter:

"Das von außen hereinströmende Zentralbankgeld verdrängte in den Kernländern der ehemaligen D-Mark-Zone eins zu eins die durch Notenbankkredit zustande gekommene Geldmenge, seit 2008 etwa 100 Milliarden Euro pro Jahr. Da der Restbestand dieses Kredits Ende letzten Jahres schon bis auf 180 Milliarden Euro geschrumpft war, droht er im Jahr 2013 gänzlich zur Neige zu gehen. Die EZB könnte in diesem Fall die Banken der Kernländer mit ihrem Hauptrefinanzierungssatz nicht mehr erreichen und verlöre ihr wichtigstes geldpolitisches Instrument."


Mit anderen Worten, Es ist nicht richtig, dass Deutschland nur mit maximal 210 Milliarden Euro für den Euro haftet, wie Kanzlerin Merkel versprochen hat. Wir haften auch für die Milliarden, die die Bundesbank für die EZB druck und an die PIIGS verleiht.

Samstag, 12. November 2011

Capital - ein Rückblick


Vor einigen Tagen entdeckte ich in Horizont die folgende Tabelle. Mir fiel auf, dass mein früheres Magazin CAPITAL nicht mehr zu den "wichtigsten Medien" für Entscheider gehört, die sich über Wirtschaft und Unternehmen informieren wollen.


WICHTIGSTE MEDIEN FÜR ENTSCHEIDER BEI WIRTSCHAFTSFRAGEN

Welche Zeitung, Zeitschrift, Sendung oder Internetseite nutzen Sie am häufigsten, wenn Sie sich über Wirtschaft und Unternehmen informieren wollen?


29,40%21%15,90%15,50%13,90%11,10%10,70%7,90%7,10%4%HandelsblattFAZSpiegel OnlineFTDWirtschaftswocheSüddeutsche ZeitungSpiegelTagesschauFocusTagesthemen






















(Umfrage der Uni Hohenheim im Auftrag der Ing/Diba - veröffentlicht in Horizont stats 2011)

Offensichtlich ist Capital nicht mehr wichtig. Eine traurige Bilanz.
Ziemlich genau vor zehn Jahren endete meine Zeit als Chefredakteur dieses Wirtschaftsmagazins. Es waren die "glücklichsten Jahre für Capital" schrieb mir 1996 Johannes Gross zum Geburtstag. Ich führte das Magazin von 1991 bis 2001. Glückliche Jahre für mich, und auch für den Verlag Gruner & Jahr, denn wir verdienten eine Menge Geld mit dem Magazin und überholten sogar  zeitweise die Gewinne des "Stern". 2000 erwirtschaftete das Magazin mehr als es heute an Umsatz generiert. Die jährlichen Renditen erreichten bis zu 40 Prozent, das Anzeigengeschäft brummte mit den Hunderten von Börsen-Neueinführungen.
Nach der Umstellung auf 14tägliches Erscheinen, für das mir der Bertelsmann Konzern den Titel "Unternehmer des Jahres" verlieh, erreichte Capital im März 2001 kurz vor meinem Ausscheiden seine Höchstauflage mit 330 000 Gesamtverkauf, davon 130 000 am Kiosk. Kurze Zeit später ging es bergab. Im dritten Quartal 2011 verkaufte Capital als Monatsmagazin nur noch 164 600 Hefte insgesamt (davon über 39 000 im Lesezirkel!), nur noch  12.400 am Kiosk.
Ich bin mir sicher, dass Capital auch dann stark an Auflage verloren hätte, wenn ich das Blatt weiter geführt hätte. Denn der Börsencrash 2001 mit seinen furchtbaren Kursverlusten und die Konkurrenz des Internet haben der Wirtschaftspresse im Ganzen schlimm zugesetzt. Aber ein Teil des Niederganges war auch hausgemacht: Die mir nachfolgenden Chefredakteure Funk, Stepp, Schweinsberg und Klusmann experimentierten mit dem Magazin ständig mit immer neuen Layouts herum ohne die Seele dieses ersten großen Wirtschaftsmagazins jemals zu verstehen, das durch Johannes Groß und seinen publizistischen Ruf groß geworden war. Dass Capital jemals Verluste machen würde war zu meinen Zeiten unvorstellbar.

Heute erlebe ich Capital als schnittiges Magazin ohne eigene Identität. Es ist genauso gut gemacht wie das Kundenmagazin der Lufthansa, das Gruner&Jahr ebenfalls produziert. Es wird seit dem Umzug von Köln nach Hamburg von einer Redaktion bestückt, die zugleich die FTD, Börse Online und Impulse bedient. Auf den Visitenkarten der Redakteure stehen die Logos aller vier Blätter,die Redakteure betonen bei ihren Recherchen stets, sie wüssten nicht, wo der Artikel erscheinen soll. Besonders die Geldanlagenteile der Blätter sind praktisch austauschbar. Die Vermögensberatung war einst der Markenkern von Capital.

Keine Frage: Man weiß in Hamburg wie man professionell Magazine macht, es hat fast industriellen Charakter. Die Wirtschaftspresse aber war im Hause von Stern, Brigitte und GEO nie richtig anerkannt. Man hat sie auch in eine eigene Firma deplatziert, damit sie im Verlag nicht zu großen Schaden anrichtet. Einen Vorteil hat  diese Konstruktion: Irgendwann kann man den Laden in einem Stück verkaufen. Der Tag, da bin ich mir sicher, wird kommen.

An anderer Stelle hatte ich schon einmal darauf hingewiesen, dass die Dominanz der nach wie vor völlig defizitären FTD dazu geführt hat, dass die Internet-Portale der Magazine Capital, Impulse und selbst Börse Online meilenweit von den Besucherzahlen vieler Finanzportale entfernt sind. Bei einem Magazin wie Börse Online könnte man sich die Druckkosten komplett sparen und statt dessen das Finanzportal ausbauen. Impulse könnte man als reine Abonnentenzeitschrift reanimieren.
Aber bei Capital müßte man die gesamte Redaktion wieder aus dem FTD-Wirtschaftspresse-Brei herausschneiden und ihr das verloren gegangene Selbstwertgefühl zurück geben. Ich bin sicher, man könnte an die große Vergangenheit anknüpfen.

Mittwoch, 9. November 2011

Gastautor Thomas Grüner über Politiker in der Finanzkrise



Denn sie wissen nicht, was sie tun!
Von Thomas Grüner,
www.gruener-fisher.de

In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse auf politischer Ebene überschlagen. Fast schon stündlich wurden diverse Rücktrittsmeldungen aus Italien und Griechenland, angebliche Volksabstimmungen und geplatzte Vereinbarungen vermeldet, nur um diese Meldungen anschließend wieder korrigieren zu müssen. Alles andere als ruhige Zeiten.

Die Politik will die Welt retten

Die Talkshows sind fast immer voller Politiker, die uns ihre Sicht auf die Welt verkünden. In den letzten Wochen ist diese Politikerdichte sogar noch sprunghaft angestiegen. Nahezu alle ranghohen Funktionäre drängeln sich in den Medien, geben sich in den Fernseh- und Nachrichtenstudios die Klinke in die Hand und werden dabei nicht müde, sich als die Retter der Welt darzustellen. Es wird dabei übersehen, dass die Politik in den letzten Jahrzehnten viel eher das Problem selbst, als dessen Lösung war. 

„Gut gemeint“ ist fast nie „gut gemacht“

Unsere Welt ist komplex. Die Finanzwelt ist noch komplexer. Es gibt viele interessante Studien zu dem Thema, dass die Politik die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht im Geringsten abschätzen kann und Eingriffe in die Wirtschaft nur in den seltensten Fällen die gewünschte Wirkung erzielen. Das Gegenteil der gewünschten Wirkung wird dagegen viel öfter erreicht. Diese Gefahr ist vielen nicht bewusst. Die „Retter der Welt“ sind oder verursachen oft das eigentliche Problem.

Zwei Beispiele von Ursache und Wirkung

In den letzten Wochen wurden zwei wichtige Dinge beschlossen. Die amerikanische Notenbank FED hat sich zur Operation „Twist“ entschlossen und die europäischen Banken sollen zukünftig mehr Eigenkapital vorhalten müssen. Auf den ersten Blick hört sich beides ganz vernünftig an. Wenn die FED in den USA für tiefere, langfristige Zinssätze sorgt und europäische Banken mehr Eigenkapital haben müssen – nicht schlecht. Aber nur auf den ersten Blick!

Die FED kauft langfristige US-Anleihen und finanziert dies mit der Ausgabe kürzerer Laufzeiten. Dies hat zur Folge, dass die langfristigen Zinssätze fallen und die kurzfristigen steigen – die Zinsstrukturkurve wird flacher. Dieser „tolle“ Trick wurde vor 50 Jahren - ohne erkennbare Auswirkungen – schon einmal ausprobiert. Der damalige US-Notenbank-Chef Tobin erhielt später sogar den Nobelpreis. Die Realität zeigt aber: Eine flachere Zinskurve verringert die Bereitschaft der Banken, Kredite zu vergeben. Diese Maßnahme ist daher eine gute Nachricht für jeden bonitätsstarken Investor, der billige Hypothekenzinsen sucht. Allen anderen erschwert sie die Suche.

Einen ähnlichen Effekt werden die neuen Eigenkapitalregeln für Banken haben. Immer wieder wird in den Medien davon geredet, dass es gut sei, wenn Banken mehr Eigenkapital aufweisen müssen. Politiker feiern sich für die Maßnahme selbst. Auf den ersten Blick erscheint das auch ganz „logisch“. Offensichtlich wissen aber genau diese Politiker gar nicht, wovon sie überhaupt reden. Es geht nämlich gar nicht darum, Banken mehr Eigenkapital zu besorgen, sondern deren Eigenkapitalquote muss erhöht werden. Der übersehene Mechanismus: Große Investmentbanken können – bei lediglich gleich bleibendem oder sogar sinkendem Eigenkapital in absoluter Höhe – durch eine Verringerung ihrer Bilanzsumme ganz einfach eine höhere Eigenkapitalquote erreichen.
Für Unternehmen und private Verbraucher bedeutet dies: Sie werden diese Maßnahmen und eine Kappung der Bilanzsummen der Banken durch verschärfte Kreditanforderungen zu spüren bekommen. Viele Banken werden ihr Eigenkapital also gar nicht erhöhen. Sie verringern ihre Kreditvergabe, damit auch ihre Bilanzsumme und ihre Eigenkapitalquote steigt als Folge automatisch!

Fazit

Unsere Welt ist zu komplex. Hervorragend ausgebildeten Topp-Bankern wird gerne vorgeworfen, dass sie diese Mechanismen nicht mehr verstehen können. Naiv und gefährlich ist in diesem Zusammenhang der Glaube, dass Politiker das besser könnten. Oftmals wissen diese offensichtlich gar nicht, wovon sie überhaupt reden. Es ist meist besser gar nichts zu tun, als nicht zu wissen was man überhaupt tut!




Montag, 7. November 2011

Röslers Mini-Steuersenkungen

Sigmar Gabriel, der Mann, der sich einst einen Imageberater einstellen musste, kommt nicht gerade sympathisch über. Seine Chancen als Kanzlerkandidat sind nicht besonders gut.
Das liegt nicht nur an seinem Übergewicht und seiner Art Banales gewichtvoll auszusprechen, sondern auch an seiner Themenwahl. Jetzt den großen Hammer des Bundesverfassungsgerichtes gegen die beschlossenen marginalen Steuersenkungen zu schwingen ist genauso lächerlich wie die Steuersenkung selbst. Angesichts von 100 Milliarden zusätzlichen Steuereinnahmen in den nächsten vier Jahren und angesichts des wunderbaren Schuldensenkungsverrechnungsprogrammes von 55 Milliarden Euro wäre eine drastische Steuersenkung zur Wachstumsförderung gerade jetzt angebracht.  Die Konjunktur wackelt und die Folgen der Eurokrise auf die Realwirtschaft sind noch nicht absehbar. Und man sollte nicht vergessen, die Bundesregierung ist ein großer Profiteur der Euro-Krise: Sie kann sich extrem günstig verschulden, weil die Eurokrise die Anleger in den  sicheren Hafen der Bundesanleihen treibt. Dort gibt es weniger Zinsen als die Inflationsrate, so dass sich die Bundesrepublik zugleich noch entschuldet. Unsere Bürgschaftsverpflichtungen gegenüber Griechenland könnten im übrigen auch noch wegfallen. Hier ist ja noch kein Cent als Rettungsgeld geflossen.
Es ist schön, wenn alle über Haushaltskonsolidierung reden. Aber dann sollten die Haushaltskonsolidierer endlich mal über die Kürzung sinnloser Ausgaben sprechen und nicht immer nur über Steuererhöhungen.

FDP-Chef Rösler hat mit dieser Winz-Reform sein Ende als Medizinmann der deutschen Wirtschaft eingeläutet. Für solche "Erfolge" wählt niemand die FDP.



Sonntag, 30. Oktober 2011

Um 55 Milliarden verrechnet

Nun ist es also amtlich: Finanzminister Schäuble hat falsche Zahlen nach Brüssel abgeliefert. Anders als die  Griechen hat er sich allerdings zu seinen Ungunsten verrechnet. Um 55 Milliarden, ein läppischer Betrag gemessen an der Gesamtverschuldung, die durch die Aufdeckung dieses Rechenfehlers nur 2,6 Prozentpunkte sinkt. Wir sind immer noch weit entfernt von jenen 60% des BIP, die einst als Obergrenze definiert waren.
Eine echte Bad Bank also, eine mit bad Managern, bad Buchhaltern und bad Wirtschaftsprüfern.Und bad staatlichen Aufsehern.
Sie hatten einfach nur die Verbindlichkeiten an den Staat gemeldet und nicht die dagegen stehenden Forderungen, der Saldo ergibt 55 Milliarden.
Soviel zu den Forderungen, Banken zu verstaatlichen. Peinlich für die Deutschen Politiker. Peinlich für die deutschen Banken.


Tauchen für Rollstuhlfahrer: Monika Wenninger  : Stiftung MyHandicap

Tauchen für Rollstuhlfahrer: Monika Wenninger : Stiftung MyHandicap

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Die Eigenkapitalquote der Banken

Sie soll auf neun Prozent erhöht werden, wurde jetzt beschlossen.
Lesen Sie hier zu den Kommentar meines Mandanten Ken Fisher in der heutigen Ausgabe der FAZ:

"Banken zu einer höheren Eigenkapitalquote zu verpflichten, führt nur dazu, dass sie weniger Kredite an Unternehmen vergeben. Durch eine Reduzierung der ausstehenden Kredite steigt die Eigenkapitalquote der Banken automatisch, ohne sich überhaupt neues Geld besorgen zu müssen. Die Politiker verringern durch ihre Forderungen nach einer höheren Eigenkapitalquote damit nicht die Risiken. Im Gegenteil: Genau die Firmen, die jetzt dringend Kredite brauchen, bekommen diese am ehesten gekündigt. Das erhöht die Risiken für eine konjunkturelle Delle."

Dienstag, 25. Oktober 2011

Banken verstaatlichen?

Die "Linke" hat in ihrem Grundsatzprogramm die Verstaatlichung der Banken beschlossen. Eine "demokratische Kontrolle" der Banken forderte ein Attac-Vertreter kürzlich im Sender Phoenix.

Nun, wir haben bereits diverse staatliche Banken, und genau die haben am meisten riskant spekuliert. Während die Deutsche Bank ohne Staatshilfe die gesamte Finanzkrise ausgeritten hat, verpulverte die staatliche IKB das Geld des Steuerzahlers in irischen Finanzprodukten, die der Vorstand selbst nicht verstand. Die völlig überflüssigen staatlichen Landesbanken gehören zu den intensivsten Käufern von Griechenland-Anleihen.

Gerade sie sind in die heute kritisierten internationalen Geschäftsfelder eingestiegen, weil, wie mir der frühere Deutsche Bank Chef Hilmar Kopper einmal sagte, die weniger riskanten Bereiche durch die privaten Banken im wesentlichen besetzt waren. Die Sachsen-LB genauso wie die West LB, die so teuer wurde, dass sie wegen permanenten Missmanagements zerschlagen werden muss. Die Hamburg und Schleswig-Holstein gehörende HSH-Bank mußte ebenfalls 1 Milliarde abschreiben, weil sie sich verspekuliert hat. Und das beste: Ein Untersuchungsausschuß, der 27 Zeugen vernahm und 50 000 Seiten Papier produzierte, kam zu dem Schluß, dass man den staatlichen Einfluss sogar noch verstärken müsse.

Und weil keiner weiß, wie man die Eurokrise lösen soll, wird jetzt eine Erhöhung der Eigenkapitalquote angestrebt. Was eigentlich sinnvoll erscheint, könnte jedoch genau zu dem führen, was alle vermeiden wollen, eine Rezession. Denn die Eigenkapitalquote kann man auch durch Herunterfahren der Ausleihungen erhöhen. Mit anderen Worten: Man kündigt Kredite von Firmen, statt sich Geld vom Kapitalmarkt zu holen, was derzeit ohnehin schwierig ist.

Furchtbar, was derzeit an Schlaumeiereien in deutschen Talkshows losgelassen wird. Mit ökonomischem Sachverstand hat das meiste nicht zu tun. Da werden Sparkassen besonders gelobt, weil sie nicht wie die großen Privatbanken spekuliert hätten. Es mag der Hinweis genügen, dass zum Beispiel die Hamburger Sparkasse von Anlegern verklagt wird, weil sie zentnerweise Lehman-Zertifikate verkauft hat.
Dann wird das Investmentbanking als Zentrum der Spekulation ausgemacht. In Wahrheit verdienen Banken wie Goldman Sachs vor allem an der Beratung und Finanzierung von Fusionen und Unternehmensverkäufen. Was hat das mit Spekulation zu tun?

Und dann redet alles über die schlimmen Derivate. Alle nicken, wenn das Verbot von Derivaten gefordert wird, aber kein weiß, was Derivate sind. Die Wirtschaftspresse schreibt jeden Tag unendlich viel über das Hin und Her de Politik, erklärt aber nicht genug. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Wo bleiben die Verfechter des Marktes, die verstehen, was an den globalen Finanzmärkten passiert. Gestern bei Hart aber fair war der FDP-Politiker Solms stolz darauf, dass Leerverkäufe in Deutschland verboten worden sind. Dabei ist dieses Verbot lächerlich, denn Deutschland wird dafür nicht gebraucht. Und Leerverkäufe sind keine Erfindung der modernen Finanzmärkte, sondern haben jahrhundertelange Tradition.

Dass ich etwas nicht verkaufen darf, was ich noch nicht besitze, leuchtet dem Bürger ein, ist aber ökonomischer Unsinn. Möbel werden auch verkauft, bevor sie produziert werden, richtig? Autos auch. Und mancher Jahreswagen wird von Mitarbeitern der Autoproduzenten mit einem Aufschlag leerverkauft.
Die Hysterie in Deutschland hat leider auch die gesamte Wirtschaftspresse erfasst. Schuldenkrise, ja das macht Angst. Aber die Finanzmärkte sind daran nicht schuld, sondern Politiker, die ihr Land in den Ruin führen.
Es zeigt sich, dass nur wenige Journalisten mit internationaler Erfahrung verstehen, wie Finanzmärkte funktionieren.Aber Politik ist eben leichter als Derivate.