Dienstag, 17. April 2018

Putin in der Sackgasse



Wladimir Putin sonnt sich in hohen Zustimmungswerten der russischen Bevölkerung. Seine aggressive Außenpolitik scheint sich auszuzahlen. Aber wie haltbar ist dieser Zustand?
Wie immer schart sich die Bevölkerung um den Präsidenten eines Landes, das sich von Feinden umgeben fühlt. Putin scheint unangreifbar, seine Macht zutiefst gefestigt.

Doch die Fassade täuscht: Was viele Putin-Versteher in Deutschland übersehen: Russland ist ein Scheinriese, die Wirtschaftskraft des hochgerüsteten Landes ist überaus schwach: Russlands Bruttoinlandsprodukt betrug laut Weltbank 2016 etwa 1,28 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Italien erwirtschaftete im gleichen Zeitraum 1,85 Billionen und Deutschland 3,47 Billionen. In den USA lag das BIP 2016 sogar bei 18,57 Billionen US-Dollar.
Putin regiert ein rohstoffreiches Land, das höchst labil ist. Der frühere israelische Botschafter Primor hat einmal im Hinblick auf den Iran gesagt: "Jedes Regime muss am Ende seine Bevölkerung ernähren.“ Das gilt auch für Russland.

Seit die USA weitere Sanktionen gegen Russland angekündigt haben (die sie bis jetzt noch nicht umsetzen) hat die russische Währung im Handel mit dem Dollar fast 10 Prozent an Wert verloren. Das bedeutet steigende Importpreise, die im Lebensmittelbereich den einfachen Bürger schmerzen. Russland importiert ein Drittel seiner Nahrungsmittel. Der Einbruch der Börse und die sanktionsbedingten, katastrophalen Schwierigkeiten des riesigen Aluminiumproduzenten Rusal sind weitere Symptome der Anfälligkeit der russischen Wirtschaft.

Über die wahren Kosten Russlands im Syrienkrieg gibt es nur Schätzungen. Sie werden gewaltige Ausmaße haben. Auch in Russland müssen die Kosten für die Streitkräfte erwirtschaftet werden. Das Geld dafür kann man eine Weile drucken, doch ohne Realwirtschaft und ohne Devisen wird Russland technologisch und wirtschaftlich zurückfallen.
Im März 2014 habe ich geschrieben:

"Russland wurde von dem früheren amerikanischen Präsidentschaftskandidaten McCaine als "Tankstelle" bezeichnet, die als sich ein Staat verkleidet hat: "Russia is a gas station masquerading as a country". Mit seiner einseitigen Öl- und Gas-Exportorientierung werden Russland Maschinen fehlen, die es bislang mit Öl und Gas bezahlt hat, wenn es zu verschärften Sanktionen kommt. Während der Westen aus einem Lieferstopp schnell lernen würde - neue Lieferanten stehen bereit - wird Putin das Land ohne westliche Investoren und mit eingeschränktem Zugang zu den internationalen Finanzmärkten in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale führen. Die westliche Gegenreaktion wird lauten: "Banks statt Tanks". Militärische Optionen sind gar nicht nötig. Der Westen kann Russland mit finanziellen Maßnahmen weit mehr beeindrucken als mit militärischem Muskelspiel. Sei es die finanzielle Isolation der Oligarchen, sei es technologisch, sei es mit Sanktionen gegen russische Banken."

Putins Politik ist in einer Sackgasse. Er wäre gut beraten, rechtzeitig umzukehren auf seinem abschüssigen Pfad aggressiver Politik. Wird er sich auf weitere Abenteuer einlassen? Oder wird er einlenken und das Gespräch suchen?

Wenn Putin letzteres will, muss er aufhören, den Westen mit ständigen Desinformationskampagnen und Hackerangriffen zu malträtieren. Wenn Russland jemals wieder das Vertrauen des Westens zurück gewinnen will und als Großmacht - nicht als Atommacht - wirklich wieder anerkannt werden will, dann muss es aufhören, Regimegegner ins Gefängnis zu werfen, Agenten mit alten KGB-Methoden umzubringen, und die Wirtschaft ausschließlich auf Putin-ergebene Milliardäre auszurichten.
Dann muss er aufhören, alles abzustreiten, was ihm nachgewiesen wird, dann muss es kooperieren und helfen, Wahrheiten zu finden statt jede Verantwortung abzustreiten, ganz besonders im Syrienkrieg, und hier ganz konkret die Giftgasangriffe aufzuklären. Ja, Verantwortung ist das richtige Wort: Wer Großmacht ist, trägt eine große Verantwortung, wer die ablehnt, schließt sich aus und ist keine wirkliche Großmacht, sondern nur ein Großmaul. Ich wünsche mir, dass Russland sich als verantwortungsvolle Großmacht versteht.












Donnerstag, 12. April 2018

Compliance-Mania

In den letzten Jahren ist eine ganz neue Branche entstanden, die sich wie Mehltau über den Unternehmergeist legt: Die Compliance-Branche. Wer das Wort Compliance googelt, findet über 11 Millionen Treffer zu dem Thema und gleichzeitig eine Heerschar von Beratern, die sich auf das Thema spezialisiert haben. Sie warnen dann alle vor gefährlichen Folgen, wenn man sich dafür nicht richtig aufstellt, und tatsächlich befassen sich immer mehr Unternehmen damit, besonders im Finanzbereich.
Für Konzerne ist das Thema nichts neues, doch inzwischen erreicht es auch den Mittelstand. Compliance, zu deutsch Regelkonformität, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden Unternehmer. Es geht darum, sich an Gesetze und Regeln zu halten, um Bußgelder und Haftungsrisiken zu vermeiden.
Man kann sich vorstellen, dass es gerade in Konzernen Sinn macht, Compliance-Management-Systeme (CMS) einzuführen, die sicherstellen, dass Mitarbeiter dem Unternehmen keinen Schaden zufügen. Freilich gibt es genügend Beispiele dafür, dass vorhandene Compliance-Systeme Skandale nicht verhindert haben. Bei VW jedenfalls hat das System versagt, der Abgasskandal und Milliarden an Schadenersatzzahlungen hätten eigentlich verhindert werden müssen. Bei Facebook hätten ebenfalls Alarmglocken klingeln müssen, als politische Wahlbeeinflussung Einzug hielt, und bei der Deutschen Bank sind die massiven Strafzahlungen für die Nichteinhaltung von einigen Regeln in der Vergangenheit hinreichend bekannt.
Es ist klar, dass nach solchen Ereignissen die Konsequenzen in noch strikteren Compliance-Regeln gesucht werden. Wenn dann noch ganz neue Gesetze wie derzeit die europäische "Datenschutz-Grundverordnung" Einzug halten, greift eine regelrechte Compliance-Mania um sich. Da befassen sich manche Unternehmensbereiche mehr mit den Regeln als mit ihrer eigentlichen Aufgabe. Das Problem ist: Unternehmen entwickeln sich nur dann wirklich weiter, wenn ihr Management unternehmerisch denkt. Unternehmerisches Denken setzt die Bereitschaft voraus, (kalkulierte) Risiken einzugehen. Mit anderen Worten: Es kann und muss auch Fehlentscheidungen geben, wenn es insgesamt vorangehen soll. Wenn jedoch Juristen und Compliance-Beauftragte die Oberhand gewinnen, und zunehmend unternehmerische Entscheidungen in Frage gestellt werden, wird das ganze Unternehmen ausgebremst.
Selbstverständlich müssen Manager die wesentlichen Regeln ihres Verantwortungsbereiches kennen und vor allem einhalten. Aber viele dieser Regeln muss man nicht auswendig lernen, es geht meist darum, sich "anständig" zu verhalten, sich nicht ungerechtfertigt zu bereichern, Betriebsgeheimnisse für sich zu behalten, mit den Daten der Kunden sorgfältig umzugehen, dem Unternehmen nicht zu schaden - um nur einige Beispiele zu nennen. Ist dieses Bewusstsein ausgeprägt, kann und soll dann sicherlich auch der zuständige Jurist befragt werden. Bekanntlich neigen die "Legals" dazu, Risiken überzubewerten - und genau dadurch für sich selbst Risiken auszuschließen. Selten hört man von ihnen ein eindeutiges Ja oder Nein. Genau deshalb muss der Manager selbst die unternehmerische Entscheidung mit den kalkulierten Risiken treffen. Es darf nicht dazu kommen, dass Compliance-Experten  alles und jedes in Frage stellen, was irgendwie mit Risiken behaftet ist. Sie sollten sich auf offensichtliche und eindeutige Regelverstöße konzentrieren, die wirklichen Schaden anrichten können. Das ist ihre Aufgabe, mehr nicht. Diese Botschaft muss von ganz oben kommen. Sie setzt Vertrauen in die Charakterfestigkeit und Kompetenz der Führungskräfte voraus.




Donnerstag, 5. April 2018

Recht und Ordnung in Gefahr

Der CDU-Politiker und neue Gesundheitsminister Jens Spahn hat ein Thema aufgegriffen, das viele Bürger, aber auch die Wirtschaft bewegt. In einem längeren Interview mit der Neuen Züricher Zeitung NZZ gibt es eine kurze Passage, die es in der BILDzeitung auf die Titelseite schaffte:
Hier das Original:

NZZ: Als Erstes haben Sie von Vertrauen gesprochen. Wie ging das verloren?

Spahn: Tja, das ist eine komplexe Frage. Vertrauen ging massiv mit der Flüchtlingsfrage verloren, aber nicht nur. Die Aufgabe des Staates ist es, für Recht und Ordnung zu sorgen. Diese Handlungsfähigkeit war in den letzten Jahren oft nicht mehr ausreichend gegeben. Die deutsche Verwaltung funktioniert sehr effizient, wenn es darum geht, Steuerbescheide zuzustellen. Bei Drogendealern, die von der Polizei zum zwanzigsten Mal erwischt werden, scheinen die Behörden aber oft ohnmächtig.


In der Tat. Die Eintreibung von Gebühren, Ordnungsgeldern und Steuern funktioniert höchst effizient. Die Durchsetzung des Rechts bei abgelehnten Asylbewerbern funktioniert kaum. Wer seinen Pass angeblich verloren hat, kann mit Geld und jahrelangem Aufenthalt rechnen. Seit Jahren treiben Drogendealer kaum behelligt ihr Unwesen in Bahnhöfen wie Frankfurt. Polizisten werden angepöbelt und angegriffen. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden 2016 fast 9000 Polizisten verletzt.  Fahrkartenkontrolleure werden immer häufiger attackiert und können nur noch zu zweit Schwarzfahrer ermitteln. Solche und viele weitere Beispiele findet man jeden Tag in den Medien.

Die scheinbar beiläufigen Sätze des Jens Spahn haben es in sich. Sie beschreiben ein zentrales Problem in Deutschland: In unserer Demokratie verlieren die Bürger das Vertrauen in einen funktionierenden Staat. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die existenzielle Bedeutung einer Demokratie in den USA und Europa von Generation zu Generation abnimmt. 

Recht im formalen Sinne und Ordnung gibt es auch in Diktaturen und autokratischen Systemen wie der Türkei und Russland. Wenn Demokratien es nicht schaffen, Recht und Ordnung sicherzustellen, gefährden sie das Vertrauen in die Fähigkeit demokratischer Institutionen, Recht durchzusetzen und den Bürgern Sicherheit zu vermitteln. In diese Lücke stoßen dann extreme Parteien. Bei einer Umfrage im Auftrag des MDR fragte Infas 2014 nach den "besonderen Stärken" der DDR und der Bundesrepublik. Die DDR punktete vor allem mit "Schutz vor Kriminalität"(66%). Das ist wohl auch der Grund für die Erfolge der AfD in den neuen Bundesländern, vor allem in Sachsen.

SPD-Politiker wie der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius protestieren schon, bevor die Debatte überhaupt begonnen hat. Diese vorschnellen Reaktionen haben wir in den letzten Jahren permanent erlebt: Flüchtlingen und anerkannten Asylbewerbern zu helfen, ist richtig, die dabei auftauchenden Probleme nicht beim Namen zu nennen, ist fahrlässig.
Politiker wie der Grüne und Tübinger Bürgermeister Boris Palmer ("Wir können nicht allen helfen") oder die neue Familienministerin und ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) mit konkreten Vor-Ort-Erfahrungen haben immer wieder darauf hingewiesen: Wer die Probleme ignoriert, kann keine Lösungen entwickeln und schadet letztlich der Demokratie.
Die folgende Grafik stammt aus dem jüngsten Marktbericht der Deutsche Oppenheim Family Office AG




Mittwoch, 28. März 2018

Konzernkommunikation: Die Entmündigung von Führungskräften

Die deutsche Wirtschaft brummt. An der Spitze stehen Konzerne, deren Gewinne nur so sprudeln - mit einigen bekannten Ausnahmen.
Welchen Anteil hat die Kommunikation am Erfolg eines Unternehmens? Hat sie überhaupt einen messbaren Anteil? Das ist eine interessante Frage für einen Kommunikationsberater wie mich.

Dax-Konzerne verfügen in der Regel über zahlreiche Mitarbeiter, die auf nationaler und internationaler Ebene mit verschiedenen Kommunikationsaufgaben betraut sind. An der Spitze steht der Leiter der Unternehmenskommunikation, der an den Vorstandsvorsitzenden direkt berichtet.

Unterstützung erhalten er und sein Team von zahlreichen externen Experten, wobei Konzerne große Agenturen bevorzugen. Die erhalten dann trotz der großen Mitarbeiterzahl ihres Auftraggebers hohe Budgets für "strategische Beratung" und diverse Dienstleistungen: Alles, was Kapitalmarktkommunikation betrifft, Events wie Hauptversammlungen, Workshops, Website-Betreuung, Corporate Design, Geschäftsberichte, Kundenmagazine, Werbekampagnen, Social-Media-Präsenz, Pressemitteilungen, Krisenkommunikation, Journalistenbetreuung und vieles mehr.

Da kann man viel Geld verdienen, und von einigen heißt es, dass sie schon Geld kosten, bevor sie eingetreten sind. Unter 200.000 € p.a. geht da gar nichts.

Wohlgemerkt, diese Palette an Kommunikationsarbeiten findet sich in allen Dax-Konzernen, und trotzdem gibt es höchst unterschiedliche Unternehmenserfolge. Der Umfang der genutzten Dienste externer und eigener Mitarbeiter ist also keine Garantie für den Unternehmenserfolg.
Schon die regulatorischen Vorschriften zwingen Aktiengesellschaften zu transparenter Finanzkommunikation. Diese Art der Kommunikation haben in den letzten Jahren immer mehr die "Legals" an sich gezogen - große Anwaltskanzleien -, gilt es doch umfassende Rechtsvorschriften einzuhalten.
Die Finanz- und Wirtschaftspresse interessiert sich aber für mehr: Sie personalisiert Erfolge wie Misserfolge. Wer "Manager des Jahres" wird, muss auf der Hut sein. Je höher einer in die "Hall of Fame" aufsteigt, desto interessanter ist es, ihm etwas anzuhängen. Wer von "investigativen" Journalisten angesprochen wird, weiß gleich, dass Gefahr im Verzug ist. Von investigativen Teams liest man keine Erfolgsgeschichten.
In großen Unternehmen gibt es immer Whistleblower, die Schlechtigkeiten verbreiten. Insbesondere dann, wenn Umstrukturierungen vorgenommen und Arbeitsplätze abgebaut werden. Nicht selten geben  Betriebsräte und Gewerkschaften ihre Kenntnisse aus den Aufsichtsräten verbotenerweise weiter. Konzern-Kommunikation kann so etwas nicht verhindern. Aber wo liegt der entscheidende Hebel für eine glaubwürdige Positionierung?
Entscheidend für eine erfolgreiche Kommunikation ist in großen Unternehmen nicht die Außen- sondern die Innenpolitik. Je mehr die Belegschaft an ihre Führung glaubt, desto weniger wird Schmutz nach außen getragen. Wer stolz ist auf seine Firma, wird Journalisten keine bösen Gerüchte weitergeben. Umgekehrt muss die Konzernspitze auch Vertrauen in ihre Mitarbeiter haben. Das ist jedoch eher die Ausnahme. In vielen Konzernen herrscht das Misstrauen. Jede Äußerung, jeder Text muss überprüft und vielfach abgestimmt werden. Und Texte gibt es reichlich in diesen Unternehmen. Vielfach müssen dann auch noch die Legals zustimmen. Aus Sorge, dass ein uneinheitliches oder falsches Bild nach außen abgegeben wird, werden Führungskräfte entmündigt. Hier liegt das eigentliche Problem. Indem Führungskräfte von den Medien ferngehalten werden, nimmt man ihnen auch ein Stück kommunikativer Kompetenz.
Man wird auch weiterhin Regeln brauchen. Aber vor allem ist eine neue Kultur im Umgang mit den Medien notwendig. Wer in verantwortlichen Positionen arbeitet, muss Medien kennenlernen, sie verstehen und lernen, mit der Arbeitsweise von Medien umzugehen. So können Führungskräfte echte Botschafter ihres Unternehmens werden und die Konzerne könnten sich wahrscheinlich eine Menge externer Beratungskosten sparen.







Donnerstag, 22. März 2018

Maschmeyers Gründer-Flop

Gestern habe ich mir rund zehn Minuten die neue Gründershow von Carsten Maschmeyer angesehen. Dann habe ich abgeschaltet. Den Rest las ich heute morgen in Spiegel Online und in der WELT.
Als regelmäßiger Zuschauer der "Höhle der Löwen" hatte ich auf Inspirierendes gehofft. Aber die Vorstellung war so dämlich, dass ich mich frage, wer dieses Drehbuch geschrieben. Jedenfalls keiner, der von Gründern irgendeine blasse Ahnung hat. Ganz offensichtlich war das Ziel, wie bei Dieter Bohlen peinliche Auftritte zu generieren, die Maschmeyer dann "skrupellos" abfertigen konnte. Doch der Unterhaltungswert ging gegen Null.
Nun ist es ja Mode geworden, Startups zu fördern, mit ihnen zu kooperieren und sie hochzupäppeln. Auch Bilanz verleiht ja den Start-Me-Up-Gründerpreis. Sicher eine gute Sache, aber vielleicht sollte man nochmal daran erinnern, was die Wesenszüge eines erfolgreichen Startups sind.

Maschmeyers Gründer (Spon: "Strumpfhosen für Frauenoberarme, Männerduftkerzen mit Speckgeruch") müssten eigentlich alle durch den Rost fallen, weil sie einzelne Produktideen vorstellten. Manches ganz nett, aber was dann? Wer ein Unternehmen gründen will, der muss sich von Anfang Gedanken darüber machen, welche weiteren Produktlinien entwickelt werden sollen, wohin die Reise geht. Das war die Stärke der Auswahl in der "Höhle der Löwen".

Investoren wollen ausschließlich skalierbare Konzepte. Das sind Umsatzkurven, die zunächst langsam steigen und durch hohes Wachstum immer steiler werden. Allerdings müssen solche Zukunftskurven auch plausibel sein. Ohne ausgefeilte Marketingkonzepte (die Geld kosten) ist der Misserfolg vorprogrammiert. Das wiederum ist häufig ein Fehler der Investoren, die nicht ausreichend Geld für Marketing bereitstellen, meist deshalb, weil Startups glauben, mit wenig Marketing auszukommen. Überdies ist die Frage wichtig, wie schnell eine Geschäftsidee kopiert werden kann. Und besonders, wenn es sich um digitale Geschäftsideen handelt, sind der Innovationsvorsprung und die Innovationsgeschwindigkeit entscheidend für den Erfolg. Es muss im übrigen nicht jede Geschäftsidee das große "Ding" (Stefan Raabs Show) sein. Wir reden viel zu wenig über erfolgreiche Handwerker, die sich nicht "Start up" nennen, aber händeringend gesucht sind. Ein selbstständiger Tischler, der mit seinem Team erfolgreich arbeitet, hat meinen höchsten Respekt. Die Handwerkskammern leisten hier mit der Meisterausbildung hervorragende Arbeit.
Leider gibt es kaum entsprechendes in den Universitäten. Einen Arzt, der sich selbstständig macht, wird man nicht als Start-up-Unternehmer bezeichnen. Seine Dienste sind auch nicht skalierbar. Aber für sie gibt es Nachfrage und einen großen Markt.
Eine Firma zu gründen, ist ein mutiges Vorhaben für jeden, der es wagt. Maschmeyers Gäste sind keine echten Gründer, aber das liegt letztlich an den Machern dieser ziemlich dämlichen Produktion.


 


Dienstag, 20. März 2018

Facebook in der Bredoullie

In Sachen Datenschutz sind wir Deutschen Experten. Beauftragte dafür gibt es in Bund, Ländern und Gemeinden und in jedem großen Unternehmen. Viel Tam-Tam, Bürokratie und Gesetze. Verglichen mit dem, was hier gelegentlich alles passiert, erleben wir bei Facebook, welche Dimension das ganze Thema Daten inzwischen hat.
Das muss man sich mal vorstellen: Eine Firma namens Cambridge Analytica benutzt 50 Millionen Facebook Profile, um damit dreckige Geschäfte zu machen. Anders kann man die offensichtliche Verwendung solcher Daten zur Beeinflussung des US-Wahlkampfes nicht nennen. Dieses Datenauswertungsunternehmen mit dem Motto "Daten treiben alles an, was wir tun"(!)  soll für die Wahlkampagne Trumps Facebook-Profile ausgewertet haben. Die Frage ist, ob es unrechtmäßig an diese Daten gekommen ist oder Facebook damit Geschäfte gemacht hat. Wir wissen bisher noch nicht viel darüber, was genau passiert ist. Das was bisher bekannt wurde, reicht aber für jeden Gruselfilm.

Es ist wie mit jeder Technologie: Eine gute Sache in den Händen skrupelloser Leute kann ganz schrecklich enden. Social Media hat unendlich viele Menschen zusammen geführt. Wenn Social Media jedoch dazu benutzt wird, Gerüchte zu verbreiten, Demokratien zu destabilisieren, Hass und Lügen zu verbreiten, dann müssen bei uns alle Alarmglocken läuten. In China erleben wir, was ein letztlich totalitärer Staat mit Daten anstellen kann: Dort stehen schon jetzt viele und demnächst alle Bürger und Beobachtung. Es gibt dann Pluspunkte für sozial positives Verhalten und Negativpunkte, wenn einer aus der Reihe tanzt. George Orwell lässt grüßen.
Das Internet sollte eigentlich befreien. Demokratisierung des Wissens, Erleichterung des täglichen Lebens,  Information in Real Time, wissenschaftlicher Austausch. Jetzt beginnt es, uns zu fesseln. Mit unseren persönlichen Profilen bei Amazon, Google, Facebook, Xing, Linkedin und anderen werden wir unsere Persönlichkeit los. Wir sind am Ende ein Datensatz, den jeder kaufen oder hacken kann - egal für welchen Zweck.
Daten sind die Währung der Zukunft, konnte man schon mehrfach lesen. Internet-Portale sind am erfolgreichsten, wenn sie Daten maximieren.
Im Konsumbereich kann man das noch tolerieren. Wenn es aber politisch wird, ist höchste Vorsicht angebracht. Weil in den Netzwerken jeder seine Meinung verbreiten kann, werden die Netze auch für Gerüchte und Fake News genutzt, ohne dass die Leser sofort erkennen, dass es sich dabei oft genug um gesteuerte Kampagnen handelt. Jeder der in Deutschland Putin im Netz kritisiert, bekommt sofort zahlreiche unglaubwürdige Kommentare, die Putins Großmannssucht verteidigen. In Italien, so hört man, haben rechtsradikale Gruppen ihr Unwesen systematisch in sozialen Medien betrieben und dort ihre Hassparolen verbreitet. Das ist schwer zu kontrollieren, wenn die Grenzen zwischen Meinung, Gerüchteverbreitung und Fakten verschwimmen, auch vom Betreiber der Portale selbst.
Der Kampf gegen den politischen Missbrauch von Social Media muss beginnen. Facebook schafft sich ab, wenn es ihm nicht gelingt, die persönlichen Daten zu schützen.







Freitag, 16. März 2018

Die Fußball WM in Russland sollte boykottiert werden

Es ist schon bizarr. Zwei Wahnsinnige führen zwei der drei größten Weltmächte. Donald Trump, der seine frühere Fernsehshow "You´re fired" zum Programm im Weißen Haus gemacht hat und Wladimir Putin, der sich muskelprotzend mit nacktem Oberkörper bei der Jagd fotografieren lässt, kritische Medien ausschaltet und international permanent mit dem Säbel rasselt.

Über Trump ist eigentlich schon alles geschrieben. Nun stehen Wahlen in Russland an, und schon jetzt steht fest, dass die Ära Putin noch nicht zu Ende ist. Putins Ziel ist "Make Russia Great Again".

Als geeignete Maßnahmen dafür hat er unter anderem entdeckt: Cyberangriffe, Destabilisierung westlicher Demokratien (zum Beispiel durch Bomben in Syrien, die jeden zweiten Syrer zum Flüchtling machten), Annektierung der Krim, Bedrohung der Ukraine, aktiver Krieg in Syrien, riesige Militärmanöver an den Ostgrenzen der NATO, neue Atomraketen - hab ich noch etwas vergessen? Ach ja, und jetzt die Nervengift-Attacke auf einen ehemaligen Doppelagenten und dessen Tochter in Großbritannien. Ein Nervengift, das nach Erkenntnissen der Briten in Russland entwickelt und erstmals seit Ende des zweiten Weltkrieges eingesetzt wurde. Das war nicht nur eine Attacke gegen Agenten, sondern eine Attacke gegen die NATO. Der skrupellose Einsatz von Nervengift kann auch ganze Armeen treffen.

Russlands Destablisierungsstrategie macht auch vor Deutschland nicht halt. Auf der einen Seite wächst Deutschlands Abhängigkeit von russischem Erdgas. Wenn wir den Übergang zur regenerativen Energie schaffen wollen, brauchen wir Erdgas. Und das liefert Russland mit Gazprom, dem ausgerechnet unser früherer Bundeskanzler Gerhard Schröder vorsitzt. Auf der anderen Seite mischt sich Putins fünfte Kolonne permanent im deutschen Internet ein. Wir erinnern uns an die offensichtlich von Russland ausgelöste Desinformationswelle nach einer nachweisbar erfundenen Vergewaltigung. Es kam heraus, dass irgendwo in Petersburg Hackerkolonnen sitzen, die als Trolle solche Gerüchte im Internet verbreiten, um die Ausländerfeindlichkeit anzuheizen und rechtes Gedankengut zu fördern. Die syrische Flüchtlingswelle, die durch die russische Bombardierungs-Unterstützung Assads losgetreten wurde, traf Deutschland am heftigsten. Ein Zufall? Putin überlässt nichts dem Zufall.

Die bisherigen Sanktionen haben Russland nicht gebremst und wirtschaftlich auch nicht besonders geschwächt. Einreiseverbote gegen bestimmte Personen und Firmen haben wenig gebracht.
Es wird Zeit, dass der Westen sich auf eine neue Eiszeit mit Russland einstellt, statt immer weiter zu hoffen, es werde noch alles gut. Für Putin ist das ein Zeichen der Schwäche. Der Westen sollte auf eine robustere Widerstandslinie und härtere Sanktionen einschwenken. Europa muss seine Streitkräfte modernisieren und zu einer gemeinsamen Sicherheitspolitik finden, die Russland von weiteren Abenteuern abhält. Es wird Jahre dauern, bis das umgesetzt ist, aber eine verrottete Bundeswehr ist sicher keine Abschreckung.
Schon jetzt aber sollte ein Zeichen gesetzt werden: Die Fußball-WM in Russland muss ohne die europäischen Nationalmannschaften stattfinden. Der Boykott ist notwendig. Das kann man den europäischen Fußballverbänden auch ohne deren Einsicht verordnen.



Mittwoch, 14. März 2018

Wahnsinn Plastikmüll

Kürzlich gab es in "Hart-aber-fair" eine interessante Diskussion zum Thema Plastikmüll (hier der Link zur Mediathek). Das Thema ist nicht neu, aber es ist immer wieder erschütternd, die Bilder von toten Vögeln, toten Meerestieren aller Art zu sehen, die durch Plastikmüll elendig verenden. Umweltorganisationen schätzen, dass jährlich 1 Million Vögel, 100.000 Meeressäuger wie Wale und Delfine und eine nicht bekannte Anzahl von Fischen durch Plastikmüll verrecken. In Wikipedia lese ich: "Im Pazifik schwimmt ein Müllteppich auf einer Fläche, die vergleichbar ist mit der Fläche der Länder Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen, Luxemburg, Ungarn und Schweiz zusammengenommen".


Plastik ist ein relativ junger Umweltverschmutzer: Die ersten Kunststoffprodukte gab es in Europa 1950. Die besondere Eigenschaft von Plastik ist heute dessen schlimmste Folgewirkung: Plastik verrottet nicht, es ist leicht und fast unendlich lange haltbar.
Wir sehen Plastikbecher, -tüten, -flaschen und was es so alles an Verpackungen gibt. Mindestens genauso schlimm ist der kaum sichtbare Mikroplastikmüll, das sind Plastikteilchen, die kleiner als 5 mm sind und von Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können. Die Kosmetikindustrie nutzt Kunststoff nicht nur für glamouröse Verpackungen, sondern mischt Mikroplastikteilchen und flüssige Kunststoffe in ihre Produkte. So gelangt Plastik auch in unser Trinkwasser. Laut Studien schwimmen in jedem Liter Leitungswasser 4 Teilchen Plastik. Niemand glaubt, dass dies für unsere Gesundheit unschädlich ist.

Hier ein paar Fakten, die im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2016/17 vom Bundesbildungsministerium veröffentlich worden sind:

  • Heute werden mehr als 300 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr hergestellt - davon landen 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen pro Jahr als Plastikabfall im Meer. 
  • Zwischen 60 und 90% des Mülls am und im Meer bestehen aus Plastik. 
  • 62% des Plastikmülls in Europa stammt von Einwegverpackungen. 
  • Grobe Schätzungen gehen von 86 bis 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren und Ozeanen aus, der sich seit ca. 1950 gesammelt hat - ein Großteil davon (bis zu 99%) befindet sich entweder schwebend in der Wassersäule oder am Meeresboden – nicht an der Wasseroberfläche. 
  • Es gibt Regionen, in denen sich Müll an der Wasseroberfläche sammelt auf einer Fläche von mehreren 100 km Durchmesser.
  • Mindestens 243 verschiedene Arten von marinen Lebewesen verheddern  und strangulieren sich in Plastikmüll. 
  • 59% aller Wal- und Delfinarten, 40% aller Seevögel, 100% der Meeresschildkröten und 36% der Robben können Müll verschlucken. 
  • Fische, Weichtiere (z.B. Muscheln) und Krebse (z.B. Garnelen) nehmen Plastik und Mikroplastik auf, die Folgen für den Menschen sind noch unbekannt. 
  • eine Mahlzeit Muscheln enthält geschätzt 90 Partikel Mikroplastik. 
  • die EU Fischfangflotte verzeichnet 60 Millionen Euro Gewinnverlust pro Jahr durch Plastikmüll im Meer.
Unser schlechtes Gewissen beruhigen wir mit dem gelben Sack, in den wir unseren Plastikhausmüll stecken. Was damit passiert, kann man zum Beispiel in der Neuen Osnabrücker Zeitung nachlesen. Nur ein Teil ist wiederverwertbar, der Rest landet in Müllverbrennungsanlagen und vieles versickert irgendwo als Mikro. Dennoch breitet sich der Plastikmüll weltweit aus. Hier ein Überblick des WWF zu diesem Thema.

Was kann man dagegen tun?

Angeblich sind es die Verbraucher, die Verpackung wollen und, ja, auch kaufen. Aber in Wahrheit sind es die Hersteller, die gezügelt werden müssen. Man hat den Eindruck, dass Hersteller und der Lebensmittelhandel, auch der Elektronik-Handel, jede Hemmung hinsichtlich plastikverpackter Waren verloren haben. Die Hersteller, die Verursacher, kaufen sich einfach mit einer Gebühr frei. Alles wird heute in Folien eingeschweißt, von der Gurke bis hin zum verpackten Schinken. Haltbarkeit und werblicher Auftritt sind wichtiger als Umweltschutz.Es gibt unendlich viele Produkte, deren Plastikverpackung nichts mit Haltbarkeit zu tun hat. Oft dient die Verpackung allein als werblicher Anreiz für cooles Design. Waschmittel, Zahnpasta, Kosmetik, Batterien, Gutscheine, Iphones - alles kommt in Plastikverpackungen daher. Die Kosten der Entsorgung, die angerichteten Umweltschäden übersteigen die Gebühreneinnahmen um ein Vielfaches, wie man sich leicht denken kann. Der hocheffiziente Lebensmitteleinzelhandel beschränkt sich auf den Ersatz von Plastiktüten durch umweltfreundliche Tragetaschen. Der Rest heißt Umsatz, Umsatz, Rendite. Erst wenn die Verbraucher ihren Plastik-Output spürbar reduzieren wird sich beim Handel etwas ändern. Sicher braucht man Verpackungen und es lässt sich nicht alles in loser Form verkaufen, schon aus Hygienegründen. Aber man kann doch einiges tun. Hier zum Beispiel 30 Tipps für den Alltag.

Am Ende ist die Politik gefordert. Zum Meeresschutz gibt es bereits diverse internationale Abkommen gegen Überfischung, wir haben Walfangbegrenzungsabkommen und mehr. Es gibt Meeresschutzgebiete, doch der Plastikmüll macht davor nicht halt. Eine internationale Strategie gegen den Plastikmüll ist nicht erkennbar. Insbesondere in Asien breitet sich der Plastikmüll ungehemmt aus. Was tun Grüne und Greenpeace dagegen? Wir brauchen nicht nur Klimaschutz, wir brauchen endlich auch einen internationalen Ansatz zur Vermeidung des Plastikmülls.


















Montag, 12. März 2018

Was Merkel jetzt angehen muss: Seehofer voran!

Das Merkel-Bashing ist zu Ende. Endlich. Ihre aufgeregten Gegner haben sich an ihrer Unaufgeregtheit die Zähne ausgebissen. Kein "Merkelmussweg" mehr. Die Kanzlerin hat es geschafft und kann jetzt länger als Helmut Kohl regieren.

Die SPD atmet auf. Die Große Koalition steht, und bei den Umfragen hat sie gleich 3 Prozent zugelegt. Die Opposition sortiert sich ebenfalls. Die FDP nimmt an medialer Bedeutung ab: In den Nachrichten des Deutschlandfunks kommen die Kritiker am Koalitionsvertrag in folgender Reihenfolge zu Wort: 1. AfD 2. Die Grünen 3. FDP und 4. die Linke. FDP Chef Christian Lindner kritisiert dabei als dritter Oppositioneller "zu wenig Zukunft". Richtig, das hätte die FDP in einer Jamaika-Regierung bestimmt einbringen können.

Ich will hier nicht den Koalitionsvertrag analysieren, das überlasse ich der WELT. Mich interessiert jetzt, welche zentralen Themen bewegt werden müssen. Das wichtigste Thema ist ziemlich offensichtlich: Innere Sicherheit, Flüchtlinge, Asylbewerber. Im Koalitionsvertrag ist so eine Art Obergrenze für Flüchtlinge, die keine ist, festgeschrieben. Das Asylrecht ist als Grundrecht nicht abschaffbar. Es geht hier mehr um Integration, um Durchsetzung des Rechts, um Sicherheit.

Horst Seehofer durfte als erstes verkünden, dass abgelehnte Asylbewerber künftig konsequenter abgeschoben werden sollen. Völlig richtig, wir warten schon lange darauf. Da wünsche ich ihm viel Glück. Aber ich bin gespannt, wie er das hinkriegen will, rechtzeitig zur Landtagswahl in Bayern.  Hier ein Überblick, was Horst Seehofer sich vorgenommen hat:

Von 2015 bis 2017 haben über 1,4 Millionen Menschen in Deutschland einen Asylantrag gestellt.
56, 4% wurden im vergangenen Jahr abgelehnt. (Das heißt abschlägig entschieden, nicht etwa, dass die übrigen 43,6% genehmigt wurden). Ende 2016 gab es etwa 200.000 ausreisepflichtige Asylbewerber (allein 63.000 in NRW), von denen 150.000 "geduldet" waren.

Etwa 550.000 Asylbewerber hatten Ende 2016 eine "Aufenthaltsgestattung", weil ihr Verfahren noch läuft. Und weitere 68.000 wurden als "geduldet" markiert, obwohl sie rechtskräftig ausreisepflichtig sind. Dann gab es weitere 23.600 "vollziehbar zur Ausreise verpflichtete" Personen sowie 29.600 Familienangehörige als Leistungsempfänger . Sie alle sind "Empfänger von Asylbewerberleistungen". Und dann sind da noch 44.000 Personen "ohne Angabe" ihres Status.
Für die etwa 728.000 Asylbewerber wurden 2016 laut BILD insgesamt 9,234 Milliarden Euro gezahlt, das sind 4 Milliarden mehr als 2015, obwohl die Zahl der Leistungsempfänger gegenüber dem Vorjahr um rund 250.000 gesunken ist. Grund: Die gestiegenen Mieten für Asylunterkünfte und Fixkosten für leerstehende Unterkünfte (!). Pro Leistungsempfänger wurden mehr als 1000 € monatlich gezahlt.

Dann gibt es noch das Thema Familiennachzug: Bis Ende 2017 gab es 513.000 Familienangehörige mit Schutzstatus, darunter 215.000 "Subsidiär Schutzberechtigte" ohne die Flüchtlingseigenschaft nach der Genfer Konvention. Letztere dürfen nicht abgeschoben werden, wenn ihnen in ihrem Heimatland ein "ernsthafter Schaden" droht - etwa Folter oder Todesstrafe.

Ja und nicht zu vergessen die etwa 70.000 "unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber", die wohl in der Gesamtzahl enthalten sind, aber ganz besonders viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Wenn sie kriminell werden, gilt für sie das maßvolle Jugendrecht. Die Betreuungskosten sind höher und das echte Alter wird selten ermittelt.

Lieber Herr Seehofer, diese Aufgabe ist bis zur Landtagswahl in Bayern unlösbar. Ich fürchte, das wichtigste Thema der Großen Koalition ist auch das schwierigste. Wenn sie es nicht stemmt, muss Merkel weg.

Donnerstag, 8. März 2018

Müssen wir einen Handelskrieg fürchten?

Alle Ökonomen sind sich einig: Ein Handelskrieg ist schlecht für den Welthandel und Deutschland als Exportweltmeister würde besonders darunter leiden.
Immer wenn sich alle einig sind, bin ich skeptisch. Jeder der einen Handelskrieg anzettelt, schadet sich nämlich selbst. Donald Trump ist offensichtlich zu dumm, um das zuzugeben. Na dann lassen wir ihn doch einfachmal Strafzölle erheben. Es trifft die amerikanischen Arbeiter, die Trump vorgeblich vertritt. Wird Stahl durch Importzölle teurer, werden die stahlabhängigen Produkte teurer: Die Autos, die Fabriken, die Haushaltsgeräte usw.
Über Handelskriege wurde in den letzten 30 Jahren immer wieder geredet, aber die mediale Rhetorik übertraf stets die Realität. Es wird auch jetzt keinen Handelskrieg geben. Selbst wenn Trump die Zölle für Autos drastisch erhöht. Die deutschen Autos für die USA werden nämlich überwiegend in den USA gebaut. Die deutschen Autobauer haben so gesehen gut vorgesorgt.
Was die Medien nur am Rande erwähnen ist, dass die EU über 100 Strafzölle für Produkte erhebt, die vermeintlich oder tatsächlich staatlich subventioniert sind, beispielsweise für Solarmodule aus China. Einer der großen Forderer für Strafzölle war Sonnenkönig Frank Asbeck. Das hat sein Unternehmen  Solarwatt nicht vor der Pleite gerettet. Burgbesitzer Asbeck hat sich kurz vor der Pleite noch die Solarsparte von Bosch einverleibt, um Subventionen zu kassieren. Es ist die von ihm verbreitete Legende, dass China an seiner Pleite schuld ist, In Wahrheit geht es um Missmanagement und Selbstüberschätzung, um mangelnde Innovation und um unternehmerische Fehler. So ist es immer, wenn Unternehmen und Branchenverbände jammern über unfairen Wettbewerb. Selbst wenn der Wettbewerb unfair ist, gibt es richtige und falsche Unternehmensstrategien.
Niemand hinterfragt die Strafzölle der EU, die in der Regel durch die Arbeit von Lobbyverbänden ausgelöst werden. Ein "Handelskrieg" ist ein Popanz, der Schwächen der Industrie verdecken soll,

Wir Europäer sind moralisch nicht besser als Donald Trump. Nur dass die EU ihre Strafzölle nicht twittert.
Das gute daran ist: Die Erde dreht sich weiter, mit oder ohne Strafzölle. Wer das Wort Handelskrieg in den Mund nimmt, vergisst, was Krieg ist. Wir sehen es jeden Tag in Syrien. Wir haben zwei Weltkriege hinter uns. Wie banal ist ein "Handelskrieg" dagegen?

Mittwoch, 7. März 2018

Was bringt denn eine Digitalisierungsministerin?

Die frühere Staatssekretärin Dorothea Bär, CSU, wird jetzt eine Staatsministerin für Digitalisierung. Die erste im Kanzleramt. Was ist davon zu halten?
Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu: "Der fränkische Charme, mit dem sie die Stammwählerschaft überzeugen konnte, wirkt da ungewollt komisch - wenn sie zum Beispiel Flugtaxis für alle fordert oder ihre Smartwatch "super" findet."
Zugleich lobt die SZ die Kompetenz dieser Frau: "Zum Glück hat sie, was es in einer modernen Welt wie der digitalen Sphäre braucht, um sich letztlich durchzusetzen - Kompetenz. Seit Jahren schon engagiert sie sich für einen klaren Blick aufs Netz. "
Nun da sind wir mal gespannt. Eine Staatsministerin ist eine parlamentarische Staatssekretärin, deren Amt sich dadurch auszeichnet, dass sie für ihre Aufgabe keine Truppen hat. "Ohne dass damit eine größere Machtfülle verbunden wäre", heisst es in Wikipedia.

Es wäre besser gewesen - aber vielleicht ist es das Ziel - ein wirkliches Ministerium aufzubauen, das sich um alle Digitalisierungsfragen professionell und umfassend kümmert. 

Die Digitalisierung hat ein großes Problem: Jeder weiß, dass man sich mit ihr beschäftigen muss, aber diejenigen, die über die Finanzierung entscheiden, verstehen meist recht wenig davon. So ist es auch in der Politik. Ich würde gerne mal wissen, ob die Naturwissenschaftlerin Angela Merkel die Blockchaintechnologie erklären könnte. Wahrscheinlich eher nicht. Vielleicht wäre es sinnvoll, jedem Bundestagsabgeordneten einen Digital-Test zu verordnen. Ich fürchte, es käme Nullwissen dabei heraus.
Mit der Piratenpartei gab es eine kurz aufflammende Bewegung, die die Digitalisierung politisiert hat. Innere Streitereien haben die Piraten schnell wieder unter die Fünf-Prozentklausel gedrückt, aber die Grundidee ihrer Gründung war absolut richtig. Im Wahlprogramm der Piraten zur Bundestagswahl hieß es: "Die immer schneller werdende technische Entwicklung hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass alltägliche Geräte und Technologien immer komplexer geworden sind. Diese erhöhte Komplexität führt zu einer immer größer werdenden digitalen Spaltung der Gesellschaft hinsichtlich des Verständnisses von Technik. In einer modernen Gesellschaft ist es notwendig, dass Menschen der Technik selbstbewusst gegenüberstehen. Nur so können sie ihre Grundrechte im 21 Jahrhundert wahrnehmen und an der Gesellschaft teilhaben."
Digitalisierung ist eben mehr als "Schnelles Internet für alle", wie es im Koalitionsvertrag vorgesehen ist. Die technologische Entwicklung schreitet in einem Tempo voran, dass 90% der Bevölkerung am Wegesrand liegenbleiben. Auch wenn jeder Rentner heute mit einem iPad herumläuft: Die wahren Mächte sind die Besitzer von Daten und deren Auswertung: Google, Facebook, Amazon. Dort sitzen Tausende von Programmierern, die in einer Welt leben und Arbeit, die unsereins nicht mehr versteht. Deswegen ist die wichtigste Aufgabe beim Thema Digitalisierung, die Menschen bei diesem Thema mitzunehmen, es ist eine Bildungsaufgabe. Von der Grundschule über das Gymnasium  bis hin zu allen Fachbereichen der Universitäten muss Digitalisierung geliefert werden. Die neue Staatsministerin hat allerdings das Problem, dass für die Bildung die Bundesländer zuständig sind. Sie muss ihre Kompetenz kommunikativ einsetzen und mit den Ländern zusammenarbeiten.  Eine ziemlich schwere Aufgabe. Immerhin: Ein Anfang ist gemacht.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Dieselhysterie

Ich habe noch nie einen Diesel besessen. Ich bin deshalb auch kein Betroffener, und trotzdem nervt mich diese Diesel-Hysterie.
Ein technischer Experte bin ich schon gar nicht. Wer soll da noch durchblicken?Als Dieselautos noch schwarze Rauchwolken ausstießen, konnte ich mir gut vorstellen, dass das ungesund ist. Dann lernten wir, dass Dieselautos einen geringeren Verbrauch und damit einen niedrigeren CO2-Ausstoß hatten. Zudem war Diesel immer billiger als Benzin, weil auf Dieselöl weniger Steuern zu zahlen waren - es war der Staat, der Diesel immer gefördert hat. Dafür waren Dieselautos wesentlich teurer als Benziner.
In der Landwirtschaft ist Diesel bis heute noch billiger, weil die Bauern halb soviel Steuern auf Diesel zahlen müssen wie Otto Normaldieselverbraucher. Auch hier ist es der Staat, der den Treibstoff Diesel fördert.
Dann kam die Abgasaffäre. Weil die Autohersteller Grenzwerte nicht einhalten konnten, setzten sie eine Schummelsoftware ein. Die Amerikaner kamen den Deutschen auf die Schliche. Sie wollten sich ohnehin die lästige Konkurrenz vom Hals halten. Dafür sitzt ein jetzt ein VW-Manager in einem amerikanischen Gefängnis, der Rest läuft frei herum.
Und jetzt das: Ein hohes Gericht erlaubt den Städten ab sofort Dieselfahrverbote.
Es geht um die angeblich zu hohe Stickoxidbelastung in einigen Städten. Da gibts dann eine lange Städteliste, in der ein Grenzwert von 40 mg pro Kubikmeter zum Beispiel in meiner Stadt Mainz um 7 Mikrogramm überschritten wird. Meine Güte. In den neunziger Jahren war der offizielle Richtwert  noch 60 MG.
Dass jeder normale Arbeitsplatz ein vielfaches dessen an Stickoxidbelastung aushalten muss, was auf de Straßen normal ist, wird schon seit Jahren propagiert. Aber weil es keiner geglaubt hatte, mussten die armen Affen ran. Wer diesen Tierversuch in Auftrag gegeben hat, muss vorher mehrmals vom Affen gebissen worden sein. Wahnsinn. Der Shitstorm war vorhersehbar.
Nun also das Thema Dieselfahrverbote. Ist schon wieder jemand vom Affen gebissen worden, diesmal ein Richter? In Deutschland gab es 2017 etwas mehr als 15 Millionen Dieselautos. Die sollen nun aus den Städten verbannt werden? Heute las ich dass ein mit der Materie vertrauter Medizinprofessor die Studien zu den Gesundheitsgefahren der Stickoxidbelastung für unseriös hält. Könnte es sein, dass die seit 8 Jahren geltenden EU-Grenzwerte zu niedrig angesetzt sind?
Irgendwie sind mir Statistiken im Kopf, dass unsere Lebenserwartung permanent steigt. Die Luft wird ja nicht schlechter, sondern seit vielen Jahren besser. Wie roch es im Verkehr, als es noch keine Katalysatoren und kein bleifreies Benzin gab? Wie roch es, als noch stinkende Trabbis über die DDR Autobahn fuhren? Wie war das noch mit dem Waldsterben?
Den Diesel-Motor hat bekanntlich der Deutsche Rudolf Diesel erfunden. Er ist niedrig im Verbrauch, produziert weniger CO2 und ist unverwüstlich im Verkehr. Bei den Elektroautos werden Lithium und Kobalt gebraucht, Rohstoffe, die in Entwicklungsländern unter erbärmlichen Umständen abgebaut werden. Ansonsten kommt der Sprit aus der Steckdose. Sinn macht das nur bei abgasfreier Stromerzeugung. Ob da wohl der Strom reicht, wenn alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden? Leider ist auch die Brennstoffzellentechnik noch nicht serienreif - Sprit aus Wasser scheint ja die allerbeste Lösung zu sein. Unsere sechs U-Boote sind alle mit der Brennstoffzellentechnik ausgestattet. Allerdings sind sie derzeit bis auf eines nicht einsatzbereit. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Irgendwie ist hier ein unvertretbarer Aktionismus ausgebrochen, den die umstrittene Organisation "Deutsche Umwelthilfe" mit gerademal 274 Mitgliedern (2017) ausgelöst hat. Die Autoindustrie ist immer noch einer der wichtigsten Arbeitgeber unseres Landes. Sie hat viel an Glaubwürdigkeit verloren, aber wollen wir deshalb die Arbeitsplätze aufs Spiel setzen? Vielleicht sollten Wissenschaft, Staat und Autoindustrie einen langfristigen Entwicklungsplan aufsetzen (wie früher einmal die Japaner), in dem nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern eine gemeinsame Strategie zur mobilen Zukunft aufgesetzt wird? Die Zeit dafür scheint gekommen.








Sonntag, 25. Februar 2018

Merkels Offensive

Es ist schon erstaunlich, wie wacker Angela Merkel alle Anfeindungen an sich abprallen lässt und jetzt gerade im richtigen Augenblick in die Offensive geht. Dass sie eine erfolgreiche Ministerpräsidentin überreden konnte, Generalsekretärin zu werden, ist ein echter Scoup, der in den Medien durchweg positiv aufgenommen wurde. So etwas gab es noch nie.
Mit Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Namen Chinesen nicht aussprechen können, wie die Sonntags-FAZ am 25.2. herausgefunden hat, hat Merkel das ewige Nachfolgethema erst einmal vom Tisch. Und sie hat mit der Saarländerin ihrer CDU eine Zukunftsdiskussion eröffnet, die diese Partei mehr als nötig hat.
Nun hat sie auch ihre Kabinettsliste für den Fall einer Großen Koalition vorgestellt - wieder mit einigen Überraschungen: Drei Frauen, drei Männer, kein zusätzlicher Ossi. Den repräsentiert sie selbst. Sympathische, vor allem kommunikativ talentierte Politiker allesamt, die in Talkshows eine gute Figur machen: Julia Klöckner, Peter Altmeyer, Ursula von der Leyen und Jens Spahn. Der angeblich "schärfste Merkel-Kritiker" Jens Spahn wird von den Medien derzeit aufgebaut als konservativer Repräsentant, obwohl er das nicht wirklich ist. Mit dem Gesundheitsministerium hat Angela Merkel ihn ein schwergewichtiges Ministerium anvertraut. Sich dort zu profilieren ist allerdings nicht so leicht.
Die erste Medienreaktion: Merkel bringt neue Gesichter und "opfert" Hermann Gröhe und Thomas de Maziére. Nun ja, Gröhe ist nicht besonders aufgefallen und De Maziére ist eben auch ersetzbar. Merkel hat mit diesem "Opfer" den CSU-internen Machtkampf und die CSU beruhigt - und damit die Voraussetzung für das Gelingen der Großen Koalition geschaffen.
Diese personelle Neu-Aufstellung ist ein Signal auch an den künftigen Koalitionspartner SPD. Stimmt die Basis zu, muss auch die SPD-Führung Personalentscheidungen treffen, die ihr Profil langfristig stärken. Auch die SPD wird drei Männer und drei Frauen einbringen - wer, ist noch offen, aber die SPD muss mit Merkel gleichziehen.
Sigmar Gabriel würde gerne Außenminister bleiben, aber die SPD wird ihn nicht lassen. Wen dann? Fest steht, dass Olaf Scholz in eine Regierung eintreten würde. Damit wäre er auch lästige Nachwirkungen des G-20-Gipfels los. Er dürfte Finanzminister werden. Andrea Nahles sollte sich auf den Fraktionsvorsitz konzentrieren und kein Amt anstreben. Als Arbeitsministerin war sie die größte Feindin des Mittelstands. Und ihre unrühmliche Rolle bei der Schulz-Pleite ist nicht vergessen.
Die SPD könnte neben Olaf Scholz zwei Ministerpräsidentinnen einbringen: Malu Dreyer und Manuela Schwesig.
Schlau wäre, Malu Dreyer zur Außenministerin zu machen, sie ist Sympathieträger, hat großes diplomatisches Talent und die größte Ausstrahlung in der Parteispitze. Dieses Amt könnte allerdings auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil übernehmen.
Manuela Schwesig wird nicht von ihrem Amt als Ministerin zurückkehren, die sie schon einmal war. Barbara Hendricks und Thomas Oppermann werden zu den Verlierern der Kabinettsbildung gehören. Sie sind "von gestern". Die Zukunft wird kommunikativsten Talenten wie Heiko Maas und Katarina Barley. gehören. Sie können jedes Ministerium und geben der SPD ein eher junges Profil.
Am Ende dürfte Angela Merkel die Bildung einer neuen Regierung gelingen. Wird dann die Republik untergehen? Wohl kaum.


Dienstag, 20. Februar 2018

Wo bleibt Christian Lindner?

"Im Wendekreis des Eigenlobs" titelte vor einigen Tagen die FAZ über Christian Lindner. Zitat:
"Die FDP verschickt derzeit eine Menge Pressemitteilungen. Ihr Inhalt ist dabei immer derselbe. Christian Lindner ist phantastisch. Alle anderen sind alt oder blöd."
Wie peinlich ist das denn? Als FDP-Mitglied stehen mir die Haare zu Berge. Wo ist Lindner? Wo ist seine Stimme zur Weltpolitik. Wo war seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz? Ich habe ihn im Fernsehen nicht gesehen. Welche außenpolitischen Kommentare zu einer unsicheren Lage ließ der Fraktionsvorsitzende der FDP verlautbaren? Ich habe keine bemerkt. Türkei? Syrienkonflikt? Brexit? Frankreich? Macron? 

Stattdessen werden seine "lukrativen Reden" thematisiert, wie im Berliner Tagesspiegel: "Insgesamt hat Lindner seit dem Zusammentreten des Parlaments im Oktober bei neun Auftritten zwischen 52.500 Euro und 111.000 Euro eingenommen." Wohlgemerkt, von ihm pflichtgemäß offen gelegt.

Es passiert jetzt genau das, was nach dem Abbruch der Jamaika-Gespräche zu erwarten war: Die FDP begibt sich in eine bedeutungslose Oppositionspräsenz im Bundestag. Die Themen werden von anderen gesetzt. 
Christian Lindner hat die Partei sensationell zurück in den Bundestag geführt: 1,36 Millionen CDU-Wähler hatten die FDP gewählt, um ein Bündnis mit Kanzlerin Angela Merkel zu unterstützen. 450.000 kamen von SPD-Wählern und selbst von den Wählern der Grünen kamen 110.000 Stimmen. Was für ein großer Erfolg! Und was wurde daraus gemacht? Nichts. Jetzt sitzen 80 Liberale im Bundestag herum - ich kenne kaum einen - und drehen erst einmal Däumchen. Sie müssen dann alles an Gesetzen lesen, die eine neue - wahrscheinlich schwarz-rote Regierung einbringen wird, dürfen dann Reden halten und sich wieder setzen, ohne irgendetwas erreicht oder verhindert zu haben.
 
Die Enttäuschung der FDP-Wähler zeigt sich in der letzten INSA-Umfrage vom 19.Februar, bei der die AfD erstmals die SPD überholt hat: Die FDP (9%)  liegt nicht nur weit hinter Union (32%) und SPD (15,5%); sondern auch hinter der Linken (11%), den Grünen (13%) und der AfD (16%). 

"Lieber nicht regieren als falsch regieren?" Hörte sich gut an, war aber ganz falsch. Lindner hat übersehen, dass die FDP Wähler an sich gezogen hat, die ganz schnell wieder weg sind, wenn sich Enttäuschung breit macht. Standhaftigkeit hätte die FDP in einer Jamaika-Regierung zeigen können und müssen.
Sie hätte die Steuerpolitik zugunsten der Mittelschicht beeinflussen, die Digitalisierung in die Hand nehmen und das ordnungspolitische Erbe des Grafen Lambsdorff übernehmen können.
Bis heute begreife ich diesen strategischen Fehler der FDP nicht. Wie man es macht, hat Volker Wissing in Rheinland-Pfalz vorgemacht: Kurz und zügig verhandelt, das Wirtschaftsministerium übernommen und nach kurzer Zeit schon den Ruf eines vernünftigen, an der Sache orientierten Machers errungen. Sein Ministerium beschäftigt mit den untergeordneten Behörden weit über 5000 Menschen. Die Wirtschaft ist mit Wissing mehr als zufrieden. Die Umfrageergebnisse zeigen einen leichten Zuwachs -  trotz der negativen Beeinflussung durch die Bundes-FDP.
In Deutschland stehen so viele Herausforderungen an. Da hätte ich von Lindner erwartet:"Wir packen die Themen an" statt: "Wir spielen nicht mehr mit". Offenbar sind ihm die Nebeneinnahmen wichtiger als eine Regierungsbeteiligung. Ist ja derzeit auch nicht viel zu tun im Deutschen Bundestag. Ein Schelm der böses dabei denkt.
 



 

Die Welt wird immer besser, sagt endlich mal einer.

In Spiegel Online gibt es ein Interview mit dem renommierten Harvard-Psychologen Steven Pinker.
Zum Lesen muss man bezahlen, aber das lohnt sich - versprochen!
Pinker ist laut Spiegel einer, der nur den tatsächlichen Daten glaubt und das alles in einem Buch zusammengefasst hat: Ste­ven Pin­ker: „En­ligh­ten­ment Now – The Case for Re­a­son, Sci­ence, Hu­ma­nism and Pro­gress“. Die deut­sche Aus­ga­be er­scheint im Herbst.
Der Spiegel zitiert fünf Beispiele seiner Aussagen, und das Buch ist wohl voll davon. Im Interview erläutert Pinker auf spannende Weise, warum Menschen unter dem Einfluss der Medien das Gefühl haben, alles gehe bergab, während die tatsächliche Datenlage das krasse Gegenteil davon ist.

Hier die fünf Beispiele: 

‣ „Die Welt ist heu­te etwa hun­dert­mal so reich wie vor zwei Jahr­hun­der­ten, und der Reich­tum wird gleich­mä­ßi­ger auf Län­der und Men­schen ver­teilt.“

‣ „Der An­teil der Men­schen, die pro Jahr in Krie­gen um­kom­men, liegt heu­te bei etwa ei­nem Vier­tel ge­gen­über den Acht­zi­ger­jah­ren, ei­nem Sechs­tel ge­gen­über den frü­hen Sieb­zi­ger­jah­ren, ei­nem Sech­zehn­tel ge­gen­über den frü­hen Fünf­zi­ger­jah­ren.“

‣ „Vor 100 Jah­ren setz­ten ver­mö­gen­de Län­der etwa ein Pro­zent ih­res Reich­tums zur Un­ter­stüt­zung von Ar­men, Kin­dern und Al­ten ein, heu­te sind es rund 25 Pro­zent.“

‣ „An­fang der Neun­zi­ger­jah­re gab es nur 52 De­mo­kra­ti­en auf der Welt, heu­te gibt es 103 da­von.“

‣ „2016 war be­kannt­lich ein schreck­li­ches Jahr des Ter­ro­ris­mus in West­eu­ro­pa mit 238 To­ten. 30 Jah­re zu­vor aber war es noch viel schlim­mer, es gab 440 To­des­op­fer.“

Montag, 19. Februar 2018

Kühnert, der Totengräber der SPD

Heute gab es die erste Umfrage, in der die AfD die SPD überholt hat. Bis zum 4.März können die Mitglieder für oder gegen eine Große Koalition stimmen. Dieser Tag wird zum Schicksalstag für die SPD. Denn egal, wie der Mitgliederentscheid ausgeht: Die Probleme der SPD sind damit nicht beendet.  Mit ihrer Glaubwürdigkeit haben die Sozialdemokraten dank Martin Schulz auch ein Stück ihrer Seele verloren.

Der soziale Gerechtigkeits-Wahlkampf des Gescheiterten hat viele mobilisiert, aber auch unerfüllbare Erwartungen erzeugt. Er hat abgelenkt von den Themen, die die Mehrheit der Bürger wirklich interessieren, insbesondere die Begrenzung der Flüchtlingszahlen und die innere Sicherheit. Hier hat sich die SPD in ihrem gutgemeinten Bemühen um Humanität ähnlich wie Angela Merkel positioniert. Etwa 500.000 SPD-Wähler wechselten bekanntlich nach rechts zur AfD.
Wenn man dann die Fernsehberichte über den Diskussionen in Ortsvereinen verfolgt fällt eines auf: Hier sind nicht die Vertreter von Startups zuhause, sondern die "Mühselig und Beladenen", die sich mehr soziale Gerechtigkeit erhofft haben und denen Schulz versprochen hatte: "Ich will euch erquicken" (Matthäus 11.28). Dass er seine Gefolgsleute in der Opposition erquicken wollte - ähnlich wie FDP-Lindner - brachte ihn und die ganze SPD in eine fatale Sackgasse, über die er stolperte, als er auch noch sein zweites Versprechen brach, nicht in ein Merkel-Kabinett eintreten zu wollen.

Nun, da Schulz weg vom Fenster ist, stellt sich die Frage welches Problem die SPD jetzt noch zu lösen hat: Es sind zwei Herren, die in der SPD permanent zündeln. Der eine heißt Sigmar Gabriel. Mit seinen Interviews hat er es sich mit dem gesamten SPD-Vorstand verdorben. Zum Außenminister wird es mit Sicherheit nicht mehr reichen. Dieses Amt können auch andere Politiker. Das Problem ist quasi schon gelöst. Gabriel hat sich selbst ins Abseits gestellt. Nun gibt es aber einen zweiten Herren, der nicht minder aktiv ist, die Partei zu spalten und bislang von der Parteiführung viel zu nett behandelt worden ist: Kevin Kühnert.

Der erst im November gewählte, von den Medien gefeierte junge Politstar Kevin Kühnert ist in Wahrheit ein echter Populist: Die Parole "NoGroKo" banalisiert nicht nur das Bemühen um eine handlungsfähige Regierung und macht die Führungsspitze der SPD lächerlich. Sie berührt auch demokratische Grundprinzipien, abgesehen davon, dass auch der Mitgliederentscheid über eine Regierungsbildung höchst fragwürdig ist.  Kühnert wühlt die Basis mit wenigen Schlagworten auf. Das kommt an. Aber wohin er will, hat er bisher nicht wirklich offengelegt. "Die SPD muss sich erneuern", heißt es gebetsmühlenartig, und sogleich beschwichtigend hinzugefügt. "Es geht jetzt nicht um Personalien." Die SPD-Führung geht in ihrer ersten Allgemeinen Verunsicherung viel zu konziliant mit Kühnert um. Sie lobt die Diskussionsfähigkeit der Partei und lässt damit zugleich das Chaos zu.  Nahles und Scholz trauen sich nicht zu sagen, was man sagen müsste: "Kevin, Sie sind der Totengräber unserer auf Solidarität basierenden Partei".
Frühere Juso-Vorsitzende profilierten sich durch linke, antikapitalistische Parolen, Kühnert profiliert sich durch schleichendes Spaltungs-Gift, das er der Partei eingeflösst hat.
Man mag angesichts der Glaubwürdigkeitsdiskussion nach den gebrochenen Versprechen gute Motive voraussetzen. Im Ergebnis aber muss eine Partei daran interessiert sein, Streit zu vermeiden. Allen Studien zufolge ist Streit innerhalb einer Partei die wichtigste Ursache für die Abwanderung von Wählern. Wer den Streit schürt, schadet der Partei.
Aber sicherlich kann man für eine Sache kämpfen, auch für die eigene Karriere. Nur sollte man dann nicht so tun, als ginge es nicht auch um die eigene Karriere. Es schmeichelt, jeden Tag in den Medien präsent zu sein. Aber dann sollte Kühnert weiter gehen und öffentlich den Parteivorsitz anstreben. Das wäre besser, als an der Basis mit Schlagworten zu zündeln, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen. Wenn ein Kurz in Wien Kanzler werden kann, sollte das auch einem Youngster wie Kühnert möglich sein. Das könnte dann der Beginn einer linken Bewegung sein, ganz im Sinne von Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine.


Dienstag, 13. Februar 2018

Quo Vadis Handelsblatt?



"Der präsenteste Herausgeber aller deutschen Medien heißt derzeit Gabor Steingart".

Das habe ich im Oktober 2016 geschrieben. Eineinhalb Jahre später ist er wieder in aller Munde - zumindest in journalistischen Kreisen: Völlig überraschend für die Branche und die eigenen Medien hat sich Verleger Dieter von Holtzbrinck von diesem Tausendsassa getrennt.  Warum der Verleger die Reißleine gezogen hat, obwohl er selbst zum Abschied voll des Lobes über Steingart war, und auch dieser seine weiter bestehende Freundschaft zu Holtzbrinck betont hat, ist bislang nicht bekannt."Das Multitalent Gabor Steingart", so Holtzbrinck,  "hat in wenigen Jahren zunächst das Handelsblatt, danach die gesamte Handelsblatt-Gruppe auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert, was höchsten Respekt und größten Dank verdient.“ Warum also dann die Trennung?
Keines der Fachmedien hat bisher herausgefunden, was mit den "wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" gemeint ist, die der Verleger als einen der Hauptgründe genannt hatte. Angeblich wollte Steingart in drei Jahren ohnehin den Verlag verlassen. Vorzeitig aufgeflogen war die Trennung, weil sich Dieter von Holtzbrinck bei Martin Schulz für einen Beitrag Steingarts entschuldigt hatte - ein in der Medienbranche einmaliger Vorgang, der die Redaktionen der Gruppe schockiert hat. 

Steingart hatte in seinem "Morning-Briefing" geschrieben: "

"Innerhalb der SPD hat ein bizarrer Machtkampf begonnen. Der mittlerweile ungeliebte Parteichef Martin Schulz will den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen und an dessen Stelle im Ministerium Quartier beziehen. Das Duell wird nach den Regeln des Parteienkampfes ausgetragen, also im Verborgenen. Besondere Raffinesse wird dabei vor allem von Schulz verlangt, da er sich nicht beim Mord an jenem Mann erwischen lassen darf, dem er das höchste Parteiamt erst verdankt. Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord."
Aber laut Holtzbrinck war das starke Stück nicht der Hauptgrund für die Trennung.

"Kerstin Jaumann, Pressesprecherin der Verlagsgruppe wird auf der Website des Verlags mit dem Satz zitiert: "Transparenz und Offenheit sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kommunikation." Wie recht sie hat. 
Die Handelsblatt-Gruppe ist nun wirklich kein Vorbild für Transparenz. Die Finanzen der Gruppe sind ein gut gehütetes Geheimnis. Was die einzelnen Aktivitäten zum Verlagserfolg beisteuern, weiß außer dem engeren Kreis der Geschäftsführung niemand.
Man muss also spekulieren, um diesem Ereignis auf die Spur zu kommen.
Steingarts Leistung ist unbestritten. Ich weiß nicht, wo der Mann die Zeit hernahm, morgens ein Morning-Briefing zu verfassen, und dann neben seinen Auftritten im Handelsblatt - "Wirtschaftsclub", diversen Talkshows und zahlreichen Euroforum-Veranstaltungen auch noch ein Weltbeben-Buch zu schreiben. Und auf der Buchmesse sein Buch vorzustellen, was dem Handelsblatt dann nach einem Vorabdruck nochmal eine ganze Seite wert ist. Die Dynamik, die er in die früher sehr behäbige Verlagsgruppe eingebracht hat, ist beeindruckend. Er schreckte vor keiner Idee zurück.
Ein großes Handelsblatt-Team wurde in USA geschickt, wo er einst Spiegel-Korrespondent war, um über die Präsidentschaftswahlen zu berichten. Ein teures Unterfangen. Auch der Brexit war ihm diesen Aufwand wert. 
Mit dem Digitalpass hat Steingart ein offenbar gut funktionierendes Vertriebsinstrument eingeführt, das dem Wettbewerb zwischen Print und Online den Druck genommen hat. Mit dem Wirtschaftsclub bindet er die Leser stärker ein. Mit etwa 200 Veranstaltungen des Eventspezialisten Euroforum, an dem die Verlagsgruppe inzwischen eine Mehrheit übernommen hat - konnte er eine solide Erlösquelle an sich binden. Über den Preis der Beteiligung ist allerdings nichts bekannt.  "Journalismus Live" war sein Motto, und dieses Motto haben viele Redakteure trotz erheblicher Zusatzbelastungen begeistert angenommen.
Es tut jedem Verlag gut, einen durchsetzungsfähigen, nach vorne blickenden Journalisten an der Spitze der Geschäftsführung zu haben. Zu viele Verlage leiden unter Managern, denen Kosten wichtiger sind als verlegerische Visionen, die langfristig Gewinn bringen. Aber es gibt eben nur wenige Journalisten, die auch als Manager erfolgreich sind. 
Eigentlich hatte Holtzbrinck geplant, sich nach der Aufspaltung des Konzerns zurückzuziehen. 2009 verkaufte er seine Anteil an der Gruppe an seinen Halbbruder Stefan und seine Schwester Monika Schoeller, im Gegenzug dafür übernahm er ZEIT, Tagesspiegel und die Verlagsgruppe Handelsblatt, die er in einer neuen Mediengruppe "Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH" zusammenfasste und offenbar begann, die Eigentümerschaft schrittweise in eine Stiftung zu überführen.

Über eine eventuelle Nachfolgeregelung weiß man nichts. Der 77jährige Verleger hat mit seiner geschiedenen Frau drei Kinder, die mit Sicherheit ein Wörtchen mitreden wollen, wenn es um die Zukunft der DvH geht. 2006 hat er einmal geäußert, seine Kinder hätten kein Interesse an einer verlegerischen Tätigkeit. Dass Gabor Steingart an den Kindern vorbei in so eine Art Nachfolge schlüpfen würde, war eigentlich nicht zu erwarten. 

Christian Meier, ein in Medien Fragen recht gut informierter Journalist, schreibt in der Welt
"Steingart und sein Förderer Holtzbrinck hätten sich kulturell letztlich zu stark unterschieden, heißt es in Hintergrundgesprächen mit der WELT. Steingart habe bis zum Anschlag in den Ausbau der Mediengruppe investiert, habe sich aber seinerseits undankbar gegenüber seinem väterlichen Verleger gezeigt, so eine weitere Interpretation.
Erfolge habe er für sich verbucht und entsprechend inszeniert, die Verantwortung für geschäftliche Misserfolge dagegen von sich geschoben. Eine dritte Deutung der Trennung geht eher in die Richtung, dass dem Verleger das Veränderungstempo der digitalen Transformation der Verlagsgruppe zu hoch, mithin zu risikoreich war."

Aber was hat das mit gesellschaftsrechtlichen Fragen zu tun? 

Ich glaube, im Zentrum dieser Fragen stehen die Kosten seiner Geschäftsführung.
  • Ziemlich sicher hatte der angebliche "Ziehsohn" Holtzbrincks in der Umgebung des recht schüchternen Verlegers Neider, die ihm den Erfolg nicht gegönnt haben.  Solche netten Menschen gibt es in jedem Verlag, das weiß ich aus eigener Erfahrung.
  • Vielleicht wollte Steingart dem Verleger einen Börsengang zur Finanzierung seiner Expansionspläne schmackhaft machen? Mit so einem Vorschlag hat sich auch ein Thomas Middelhoff bei Bertelsmann-Chefin Liz Mohn die Zähne ausgebissen.
  • Vielleicht hat er aber auch ein ähnliches Modell vorgeschlagen, wie es Springer-Chef Matthias Döpfner Friede Springer schmackhaft machen wollte: Eine Rechtskonstruktion, die es leichter macht, Investoren zu gewinnen, ohne die Stimmenmehrheit abzugeben. Friede Springer hat Döpfner bekanntlich mit diesem Vorschlag auflaufen lassen.
Letztlich glaube ich, dass Steingart, um den es in den letzten Monaten auffällig ruhig geworden war , die ausufernden Kosten seiner vielen Initiativen um die Ohren geflogen sind. Für ihn muss es nur zwei Wege gegeben haben: Entweder drastisch Kosten einzusparen, oder den Weg für Investoren freizumachen. Ein Kostensparer war er im Gegensatz zu Holtzbrinck nie. 

Die Frage ist jetzt, wohin die Verlagsgruppe steuert. Quo Vadis Handelsblatt? Ich tippe darauf, dass sich Dieter von Holtzbrinck einen energischen Kostensparer ins Haus holt. Und das wird kein leichter Gang für die Redaktionen nach all der Aufbruchstimmung, die Steingart verbreitet hatte.











Der SPD bleibt nur noch die GroKo



Das Drama der SPD hat alle Züge einer griechischen Tragödie. In Wikipedia lese ich dazu:

"Das Ziel einer Tragödie war gemäß Aristoteles der Sinneswandel beim Zuschauer: so sollte eine „Reinigung“ (Katharsis) von bestimmten Gefühlen eintreten. Durch das Durchleben von Jammer/Rührung und Schrecken/Schauder (von griechisch éleos und phóbos, von Lessing etwas irreführend mit Mitleid und Furcht übersetzt) erfährt der Zuschauer der Tragödie eine Läuterung seiner Seele von diesen Erregungszuständen."

Wie passend! Ja, die SPD braucht jetzt eine Läuterung ihrer Seele von diesen Erregungszuständen!
Bei diesem Schauspiel ist so ziemlich alles schief gelaufen, was schieflaufen konnte. Oder es war eine große, geplante Intrige, wie der vor einigen Tagen entlassene Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart in seinem letzten "Morning-Briefing" glaubte. 
Das Problem der SPD heißt jetzt nicht mehr Martin Schulz - siehe hierzu meinen kürzlichen  Kommentar in "Bilanz".  
Vielmehr geht es jetzt darum, zu überleben. Neuwahlen würden die SPD möglicherweise zu Steigbügelhaltern der AfD machen - was für eine Vorstellung!
Die SPD kann sich jetzt keinen weiteren Fehler mehr leisten. Erst recht vor dem Hintergrund der angelaufenen Mitgliederbefragung, deren Ergebnis wohl Anfang März vorliegt.
Es macht jetzt keinen Sinn, erneut Personalrochaden vorzunehmen, um dem anschwellenden Juso-Zeitgeist gefällig zu sein. Es macht auch keinen Sinn, das Außenministerium mit jemand anderem zu besetzen als mit Sigmar Gabriel. Das einzige, was jetzt noch Sinn macht, ist die Große Koalition anzunehmen. Nur so kann sich die SPD von dem unerhörten Tief erholen, in dem sie sich jetzt befindet. Wenn das die Mitglieder nicht begreifen, dann gute Nacht SPD.
Es ist besser, in der Mitte der Legislaturperiode Neuwahlen anzusetzen, die dann vielleicht mit einem Abgang von Angela Merkel verbunden sind.

Mittwoch, 7. Februar 2018

Merkels Erfolg und die Hektik der Berliner Medien

Der Medienbetrieb in Berlin hat manchmal bizarre Züge. Kaum ist die Tinte des 177-seitigen Koalitionsvertrages trocken, schreiben die einen bereits, wie man das neue Baukindergeld bekommt, die anderen vermissen den großen Aufbruch und die dritten verkünden bereits, wie sich der Vertrag auf die Wirtschaft auswirkt. 

Ich würde gerne einmal wissen, welcher Journalist diesen Vertrag schon gelesen oder gar analysiert hat, bevor er sich dazu äußert. Das gilt erst recht für die Lieferanten von Zitaten. Da fragt man als erstes Sarah Wagenknecht und kennt schon die Antwort. Jetzt darf sich auch die AfD-Frau Alice Weidel äußern, und auch hier kennt man schon die Antwort. Natürlich darf auch der Juso-Chef nicht fehlen.
Man hat fast das Gefühl, die kritischen Schnell-Berichterstatter hoffen geradezu darauf, dass die SPD-Mitglieder den Eintritt der SPD in eine große Koalition ablehnen:  Das wäre dann mal eine richtige Sensation, ein personelles Chaos, Neuwahlen und wer weiß, was danach kommt. Coole Sache! So erzeugt man Politikverdrossenheit.
Schon während der Sondierungsgespräche konnte man in den Talkshows - beispielsweise vom Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart - die Frage nach dem "großen Wurf", dem großen "Aufbruch" den Visionen usw. hören. Ja mei! 
Wir wissen, was Helmut Schmidt von Visionen gehalten hat: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wir brauchen eine stabile Regierung, keine blauäugigen Visionäre.
Dass in einem Koalitionsvertrag jeder einzelne Satz Bedeutung und einen  Rattenschwanz von Folgen hat, dass die Beamten all diese Pläne erst einmal in Gesetze und Ausführungsbestimmungen übersetzen müssen, dass in vielen Fragen die Bundesländer mitbestimmen können, das wird als eher lästiges Beiwerk gesehen. Es geht ja darum, der Schnellste zu sein und nicht um die sorgfältige Analyse aller Vereinbarungen.
Nun, man muss die Journalisten natürlich auch verstehen. In Berlin arbeiten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, über 10.000 Medienvertreter, deren Redaktionen Stoff brauchen, Quotes, Meinungen, Fakten und Bilder. Ein wahnsinniger Konkurrenzkampf, bei dem jeder darauf schaut, was der Kollege oder die Kollegin daraus macht.
Ich erinnere mich an meine Berliner Zeit als Parlamentsberichterstatter. Ich hatte dort einen Kollegen bei der Berliner Morgenpost, der jedesmal einen Jubelschrei ausstieß, wenn  der Tagesspiegel als Konkurrent die gleiche Geschichte als Aufmacher hatte. Dabei wäre es viel wichtiger, sich von anderen zu unterscheiden. Und das könnte man heute mit einem dicken Lob für die Mitglieder der Verhandlungskommissionen und ihre Anführer. Frau Merkel und die Herren Seehofer und Schulz haben gute Arbeit geleistet. Man muss nicht alle Ergebnisse mögen, aber es ist gut, dass sie sich Ihrer Verantwortung gestellt haben. Ich würde mir wünschen, dass dieser Vertrag von den Mitgliedern der SPD akzeptiert und nicht sabotiert wird.






Montag, 5. Februar 2018

Wie entstehen Spekulationsblasen?

Bitcoinblase, Immobilienblase, Aktienblase, Anleihenblase - die Blasenberichterstattung nimmt wieder zu, gefolgt von Crashpropheten, die mit Angstmache absahnen wollen.  Und tatsächlich platzt immer mal wieder eine echte Blase. Was steckt für ein Mechanismus dahinter und wie kann man sich davor schützen?

Warum laufen so viele Anleger wie Lemminge den Bitcoins hinterher? Der Grund liegt zum einen in der Hoffnung auf schnelle Gewinne, zum anderen aber in einem Mechanismus, der von den Medien verstärkt wird: Da man keine eigenen Informationen hat oder die zugrunde liegenden Fakten nicht versteht (Stichwort "Blockchain"), verlässt man sich darauf, dass andere ihrem Tun und Handeln solide Informationen zugrunde gelegt haben - was selten stimmt. Wenn manche Medien die Blockchain-Technologie erklären, beginnt der Satz meist mit den Worten: Es ist eigentlich ganz einfach. Und dann folgen Erklärungen, die keine versteht.Aber der Leser glaubt, dass der Journalist es verstanden hat und vor allem die, die damit arbeiten.

Der Nobelpreisträger George J. Stigler hat das einmal an einem einleuchtenden Beispiel beschrieben, das er "Informationskaskade" nannte: Man denke sich zwei Restaurants A und B , die zur gleichen Zeit mit gleicher Speisekarte nebeneinander öffnen. Der erste Gast kommt, vergleicht die Speisekarten und stellt keinen Unterschied fest. Er hat aber Hunger und setzt sich in Restaurant A - Motto: Ist ja egal. Der zweite Besucher kommt, vergleicht wieder beide Speisekarten, stellt ebenfalls keinen Unterschied fest. Er sieht aber einen in A sitzen und denkt sich: Der hat eine Information, die ich nicht habe, wahrscheinlich ist der Koch in A besser. Also setzt er sich auch in A. Am Ende ist Restaurant A voll, Restaurant B leer. Und der Besitzer von B kann es nicht fassen.

Wenn es bei Spekulationsblasen um überhöhte Preise geht, greift ein ähnlicher Mechanismus. 
Denn bei der Frage, was eigentlich überhöht ist und was nicht, gibt es in der Regel keine mathematischen Beweise. Es zählt, was verkauft wird. Jeder schaut, was andere machen, die Medien berichten und die Lemminge folgen. Aber wenn alle an weitere Preis- oder Kurssteigerungen glauben, warum soll dann eine Blase platzen? Das erklärt ein anderes theoretisches Beispiel.
Nehmen wir an, die ganze Finanzwelt sitzt in einem Raum versammelt. Alle erwarten steigende Kurse bei Ölaktien. Marktprognosen unterstützen den Trend. "Die Ölpreise werden steigen". Doch sie steigen nicht, sondern fallen zur Überraschung aller. Weil sich alle in der gemeinsamen Hoffnung auf steigende Preise eingedeckt haben. Nun sitzen sie da und warten, dass die Kurse der Ölaktien steigen. Sie steigen aber nicht, denn alle sind ja bereits eingedeckt - es gibt keinen Käufer zu den aktuellen Kursen mehr. Dann sagt sich der erste: Wenn es keinen Käufer mehr gibt, verkaufe ich und nehme Preisabschläge in Kauf. Die anderen sehen das und glauben, er hätte Informationen über fallende Kurse. Immer mehr folgen ihm, die Preise der Wertpapiere sinken, mit immer größeren Abschlägen. Die Blase platzt. Im nächsten Schritt kommt es zu panischen Verkäufen.

Als ich noch Capital-Chefredakteur war, und die ersten Medien einen Crash am Neuen Markt voraussagten, zitierte der Spiegel meine Kolumne "Crash nein danke". Ich wollte einfach nicht glauben, dass die anschwellenden Zweifel über die Kurse am Neuen Markt zu einer self-fulfilling-prophecy wurden. Gerade war es nach dem Telekom-Börsengang gelungen, die Deutschen für Aktien zu begeistern. Sie kauften alles, was irgendwie mit dem Internet zu tun hatte, um es so schnell wie möglich wieder mit Gewinn zu verkaufen. Unsere Geldredakteure waren fest davon überzeugt, dass die Rallye weitergehen würde.  Kurz vor dem Crash erschien das meistverkaufte Heft von Capital "Die Perlen des Neuen Marktes": Wir verkauften 330.000 Hefte, allein 130.000 im Einzelverkauf. 

Unsere ganze damalige Redaktion ist wie andere Finanzmedien reingefallen auf all die Analysten, Berater und Marktteilnehmer, die an jedem Börsengang des Neuen Marktes prächtig verdienten und immer weiter steigende Kurse prognostizierten. "Cash Burn" war die Falle, in die alle reinliefen: Wer im Internet erfolgreich sein wolle, der müsse erst einmal Geld verbrennen, um eine kritische Massen an Kunden zu gewinnen. Mit diesem Argument wurde jeder Zweifler zum Nörgler abgestempelt.
Die Anleger dagegen schauten in die Röhre und verloren viel Geld, die Wirtschaftspresse erlebte ihren größten Kotau, verlor an Glaubwürdigkeit und geriet in eine Depression, von der sich viele nicht erholten. Dabei konnte man damals auch einiges richtig machen, wenn man sich nicht an den Lemmingen, sondern an langfristig vernünftigen Konzepten orientiert hätte, die es auch im Internet immer gegeben hat. 
Im Mai 1997 ging Amazon mit einer Erstnotiz von 18 Dollar an die Börse, heute ist die Aktie bei 1138 Dollar. Jahrelang hatte Jeff Bezos riesige Verluste angehäuft, um dann irgendwann gigantische Gewinne zu kassieren. Heute macht Amazon einen Großteil seiner Gewinne mit der Vermietung von Cloud.Kapazitäten. Aktionäre die durchgehalten haben, konnten sensationell verdienen. Im August 2004 ging Google zum Preis von 80 Dollar an die Börse. "Viel zu teuer" schrieben zahlreicher Kritiker damals. Heute steht der Preis von Google (heute Alphabet) bei über 880 Dollar. Ähnliches bei Facebook: Beim Börsengang lag der Kurs bei 38 Dollar, vier Monate später nur noch bei 17,5 Dollar, weil sich Analysten einig waren, dass Facebook keine Perspektive habe. Heute notiert der Kurs bei 152 € und Facebook scheffelt gigantische Gewinne.
Was kann man daraus lernen: Finger weg immer dort, wo schnelle Gewinne versprochen werden. Denn der schnelle Schnitt ist ein typisches Blasenphänomen. Wenn alle einer Meinung sind, besondere Vorsicht walten lassen - in der Zustimmung wie in der Ablehnung. Die in den Wirtschaftsmedien veröffentlichten DAX-und Dollar-Prognosen von Banken liegen fast immer daneben. 
Erfolg hat, wer sich immer einen Schuss Skepsis gegenüber der allgemeinen Meinung von Analysten bewahrt und sich an eine Regel hält: Streuen und langfristig anlegen. Das ist die beste Gegenstrategie gegen platzende Blasen. Die Umsetzung kann man bei größeren Beträgen einem guten Vermögensverwalter anvertrauen, der alle Kosten offenlegt.